06. Januar 2009

Interview zur LL-Demo 2009: »Demo spiegelt den Zustand der Linken wider«

Für Luxemburg und Liebknecht: Bündnis mobilisiert zum gemeinsamen Gang nach Berlin-Friedrichsfelde. Gespräch mit Sebastian Lorenz, Sprecher der Antifaschistischen Linken Berlin (erschienen am 7.1.2009 in der Tageszeitung junge Welt).
Die Liebknecht/Luxemburg-Gedenkdemonstration 2009 beginnt am Sonntag, 11. Januar 2009 um 10 Uhr am U-Frankfurter Tor in Berlin und führt zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde (S/U-Lichtenberg).

»Demo spiegelt den Zustand der Linken wider«
Für Luxemburg und Liebknecht: Bündnis mobilisiert zum gemeinsamen Gang nach Friedrichsfelde. Gespräch mit Sebastian Lorenz. Interview: Claudia Wangerin (Tageszeitung junge Welt). Sebastian Lorenz ist Sprecher der Anti­­faschis­tischen Linken Berlin (ALB). Die ALB ist aktiv im Vorbereitungsbündnis zur Gedenkdemonstration für die 1919 ermordeten Revolutionäre Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 11. Januar in Berlin

Die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) ruft unter dem Motto »Kein Friede mit dem Kapitalismus« zur traditionellen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am Sonntag auf. Seit Beginn der Finanzkrise wird das System deutlich öfter in Frage gestellt als bisher. Rechnen Sie deshalb auch mit mehr Demonstrationsteilnehmern?
Das hoffen wir natürlich. Am besten besucht war die Demonstration Mitte der 1990er Jahre. Nach einem Tief um 2003 oder 2004 sind die Teilnehmerzahlen in den letzten Jahren wieder leicht gestiegen. Wir rechnen damit, daß die 10 000 auch in diesem Jahr wieder erreicht werden.

Demnach ist die LL-Demo nicht von der Konjunktur der sozialen Bewegungen abhängig, denn um die war es Mitte der 1990er Jahre eher schlecht bestellt. Es war auch völlig out, den Kapitalismus in Frage zu stellen. Wie sollten Linke jetzt mit der veränderten Situation umgehen?
Inhaltlich kommt es jetzt darauf an, die Lage zu nutzen, um nicht nur kleine, kosmetische Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems zu fordern, sondern deutlich mehr im Sinne einer antikapitalistischen Perspektive.

Das wären die Chancen, die sich der linken Bewegung jetzt bieten. Was sind die größten Risiken, die eine solche Krise mit sich bringt?
Die Risiken bestehen natürlich darin, daß weiterer Sozialabbau legitimiert wird, daß der Staat sich noch stärker auf die Seite des Unternehmertums schlägt und die Rahmenbedingungen für linke Politik verschlechtert. Am Arbeitsplatz selbst können sich die Menschen umso schlechter wehren, je mehr Angst sie um ihren Job haben müssen. Es ist ja leider kein Automatismus, daß die linke Bewegung in die Offensive kommt, wenn sich eine ökonomische Krise verschärft.

Sehen Sie mittelfristig eine faschistische Gefahr in Deutschland, falls die linke Bewegung nicht in die Offensive kommt? Könnten dann rechte Parteien und ihre Demagogen davon profitieren?
Das wäre natürlich die schlimmste aller Möglichkeiten, die leider nicht auszuschließen ist. Aber worauf wir uns sicher noch eher einstellen müssen, ist ein härteres Durchgreifen des bürgerlichen Staates zugunsten der Kapitaleigner. Durch Lohnraub und tiefe Einschnitte ins soziale Netz steigt zunächst mal nicht unbedingt die Bereitschaft der Menschen, auf die Straße zu gehen und politisch aktiv zu werden. Viele werden zuerst passiv reagieren und versuchen, individuell mit ihrer Existenzangst fertigzuwerden. Die Herausforderung für Linke ist, sie da abzuholen, wo sie stehen.

Auf der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration bekommt man traditionell sehr viel Papier in die Hand gedrückt. Ein berufstätiger Mensch kommt kaum dazu, das alles zu lesen. Ist die Masse der Flyer und Broschüren, die zum Teil von sehr kleinen Gruppen verteilt werden, nicht Zeichen der Zersplitterung?

Ich sehe darin eher einen Ausdruck der Vielfalt, den die Linke zu bieten hat. Da gibt es sicher einiges zu kritisieren, dennoch sollte man sich darüber nicht allzusehr ärgern. In die Ideen von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wird eben sehr viel hineininterpretiert. Aber es ist die Stärke dieser Demonstration, daß am Todestag von Luxemburg und Liebknecht Menschen, die das zum Teil sehr unterschiedlich auslegen, eben doch gemeinsam auf die Straße gehen. Es ist eine Gedenkdemonstration mit sehr aktuellen Bezügen – und es kommt darauf an, daß die Teilnehmer selbst ernst nehmen, was sie dazu sagen. Ansonsten spiegelt diese Demonstration eben den Zustand der antikapitalistischen Linken wider und zeigt, wie sie momentan aufgestellt ist.

Welche Organisationen beteiligen sich in diesem Jahr an der Demonstration?
Nach wie vor reicht das Spektrum von antifaschistischen und antimilitaristischen Gruppen über die DKP und Teile der Linkspartei bis zu ausländischen Organisationen, zum Beispiel schwedischen Antifaschisten, sowie italienischen und griechischen Kommunisten, die zum Teil auch anreisen, weil auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz am Vortag der Umgang der Linken mit der EU diskutiert wird.


* Sonntag, 11. Januar, 10 Uhr, Frankfurter Tor, Berlin: Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, www.ll-demo.de, www.antifa.de

Tags:  Liebknecht, Luxemburg, Interview, ALB, LL-Demo, 2009

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