27. Januar 2008

»Franco hielt ein bißchen länger durch als Gott«

geschrieben von Antifaschistische Linke Berlin
LITERATUR Der Schriftsteller Joseba Sarrionandia (geb. 1958 – Info) war Widerstandskämpfer gegen das faschistische Franco-Regime in Spanien (1939–1975). 1980 wurde er als ETA-Mitglied verhaftet, fünf Jahre später gelang ihm eine spektakuläre Flucht. Er lebt seitdem an einem unbekannten Ort. Er ist heute einer der meist gelesenen Autoren im Baskenland. Wir dokumentieren ein Interview mit Joseba Sarrionandia, übernommen aus der Tageszeitung Junge Welt.

Roman-Vorstellung Der gefrorene Mann in Berlin
• 29.1.08 | 19 Uhr | jW-Galerie (Torstr. 6, U-Rosa-Luxemburg-Platz)
• 08.2.08 | 20 Uhr | Buchhandlung Ebert und Weber (Falckensteinstr. 44)


»Franco hielt ein bißchen länger durch als Gott«

Gespräch mit Joseba Sarrionandia. Über engagierte Literatur, Gewalt im politischen Kampf, Nationalismus und das Schreiben im Exil.

Im Jahr 2001 war »Der gefrorene Mann« das meistverkaufte Buch der baskischen Buchmesse in Durango. Sie hatten davor keine Romane, sondern Aufsätze, Lyrik und Erzählungen veröffentlicht. Ist das nicht auch ein Ausdruck der baskischen Anomalie, daß das meistverkaufte Buch eines Jahres der Debütroman eines im Untergrund lebenden Schriftstellers ist? Am Ende stimmt es doch, daß sich Bücher nicht wegen der Literatur verkaufen.

Klar, oder? Selbsthilfebücher verkaufen sich immer besser als Literatur. Das soll jetzt nicht heißen, daß mein Roman ein Selbsthilfebuch wäre. Was den Erfolg angeht, wenn es denn ein Erfolg war: Sonderbarerweise ist es ein Roman der Niederlage, ein Buch über marginale, verlorene, gescheiterte Menschen. Paradoxerweise hat der Roman eines Scheiterns Erfolg gehabt.

Sie waren Ende der 1970er Jahre in der Literaturgruppe POTT aktiv. Projekte wie Ihres gelten als Reaktion auf die damals vorherrschende, politisierte Literatur.

Man kann aus politischer Überzeugung – genauso wie aus Zugehörigkeit zu einer bestimmten künstlerischen Schule – ziemlich schlechte Literatur machen. Jemand hat mal gesagt, ich glaube, es war Blas de Otero, daß ein gutes, zur Unterstützung eines Ausstands verfaßtes Gedicht zu einem Streikerfolg beitragen kann, ein schlechtes allerdings auch zum Mißerfolg.

Wir bei POTT verteidigten die Autonomie der Literatur. Wir waren der Meinung, daß Literatur sich nicht zum Sprachrohr von Forderungen oder Ideologien machen darf, daß sie eine eigene Form und Kraft besitzt, spezifische Fähigkeiten zur kritische Betrachtung der Welt.

Ich habe in einem anderen Interview gehört, daß die baskischen Schriftsteller von Anfang an den Drang gespürt haben, Avantgarde-Literatur zu machen. Das geschieht ja auch nicht unbedingt in allen Literaturen.

Heute verwendet man den Begriff fast nicht mehr, aber damals haben wir mit der größten Selbstverständlichkeit von »Gegenkultur« gesprochen. Im Franco-Regime gab es eine Lebensdoktrin und eine »Offizielle Kultur« – groß geschrieben. Diese offizielle Kultur war beklemmend und normativ. Sogar baskischer Reimgesang war verboten! Ich glaube, damals war sogar Archäologie eine avantgardistische Angelegenheit.

Gott war tot, und in den Winkeln entfalteten sich revolutionäre Projekte. Franco hielt ein bißchen länger durch als Gott, selbst die Autopsie besagte noch, daß er sich bester Gesundheit erfreue; sein Schatten war überall. Aber es gab eine Gegenkultur, die offener war, weniger vorgefertigt als die offizielle Kultur. In der Politik, der Kunst, aber auch in alltäglicheren Bereichen kam es fast zwangsläufig zu Regelübertretungen und Avantgardismus.

Es gab damals keinen Büchermarkt oder zumindest hat niemand darüber nachgedacht. Und nicht nur der Markt war anormal. In der in Staaten organisierten Welt waren auch wir anormal, ein anormales Volk. Unsere natürlichen Verbündeten waren Leute, die genauso marginal waren wie wir selbst. Apachen, Sahrauis, herumstreifende Musiker, Homosexuelle, Obdachlose, Avantgarde-Autoren.

Die soziale und politische Situation damals war hart. Lange Jahre unter einer Diktatur...

Während des Burgos-Prozesses war ich ungefähr zwölf Jahre alt. Ich erinnere mich, daß mich meine Mutter an einem Nachmittag losschickte, Milch zu kaufen, und daß ich, als ich aus dem Laden trat, Schüsse hörte. Die Leute rannten los, und plötzlich war ich mitten in einer Demonstration, inmitten von Ausschreitungen.

Die soziale und politische Situation verwandelte sich von da an für viele von uns in einen Teil unseres Alltags. Seit ich 15 oder 16 war, beteiligte ich mich auf die eine oder andere Weise an Kämpfen gegen Repression und Diktatur.

Mit was für einer Ideologie?

Ich weiß nicht. Es war so etwas wie ein libertärer Kommunismus, wir gehörten zu einer radikalen Unabhängigkeitsbewegung, die nicht an die Macht wollte. Der Franquismus war spanisch-nationalistisch, kapitalistisch und katholisch, und deshalb versuchten wir, so anti wie möglich zu sein: baskisch, antikapitalistisch und volle Pulle atheistisch.

War das nicht anstrengend, in all diesen Bereichen konsequent zu sein?

Es erfordert sicher mehr Engagement und Aufmerksamkeit, baskischsprachig, antikapitalistisch und atheistisch zu leben, als spanisch, kapitalistisch und katholisch zu sein. Aber man kann auch nicht behaupten, daß wir uns konsequent verhalten hätten. Wir sind weniger auf einem erleuchteten Pfad auf ein Ziel zumarschiert, sondern vielmehr vor der Dampfwalze geflohen, die uns zu zermalmen drohte.

Und der bewaffnete Kampf? Wie haben Sie sich dazu entschieden?

Während der Transición, der politischen Reform nach Francos Tod 1975, gab es keinen demokratischen Bruch. In vielen Bereichen hielten sich die Gespenster des alten Regimes, zum Beispiel in der Repressionspolitik. Durch die neue Verfassung wurde das Baskenland geteilt. Die Forderung nach Selbstbestimmung wurde ignoriert, dafür gesorgt, daß grundlegende Veränderungen innerhalb des politischen Systems nicht mehr durchzusetzen waren. Es mag schwierig sein, durch den bewaffneten Kampf zu Verhandlungen und zu einem akzeptablen Status für das Baskenland zu kommen. Aber ohne ihn gab es gar keine Aussicht auf einen qualitativen Sprung.

Die Entscheidung für den bewaffneten Kampf ist jedoch nicht so sehr Konsequenz einer politischen Analyse als vielmehr eine Handlung gegen die Repression. Die Freunde aus meiner Nachbarschaft waren ins französische Baskenland geflohen, Patxi Elkarte kam für lange Zeit ins Gefängnis, die Repression war brutal, genauso hart wie unter Franco. Wir lebten in stürmischen Zeiten, und es gab keine Möglichkeit, wegzuschauen und sich anzupassen. Man mußte etwas tun. Ich war 19 Jahre alt, und in diesem Alter ist man weniger ängstlich, als wenn man älter ist oder noch ein Kind. Man ist selbstloser.

Wie haben Sie den bewaffneten Kampf und die Literatur miteinander verbinden können? Das scheinen völlig unterschiedliche Unternehmungen zu sein.

Ja, sie sind völlig unterschiedlich. Aber ich glaube, es gab keine literarische Form, um die politische Situation zu überwinden. Wenn Literatur eine größere Verbreitung hätte, die Spanier Baskisch lesen würden, oder die arbeitende Bevölkerung – oder zumindest ein paar Bankiers –, dann hätte Sartres Haltung Sinn gemacht. Aber baskische Literatur lesen nur wir, ein paar baskischsprachige Personen. Ich habe einfach nicht geglaubt, daß eine im engeren Sinne politische Literatur etwas hätte bewirken können.

Da wir Basken im Unterschied zu Spanien über kein staatliches Gewaltmonopol verfügen, bleibt uns in Zeiten des bewaffneten Konflikts nur die Option, »Freiwillige« zu sein. In die Bataillone im Bürgerkrieg 1936 sind auch nur Freiwillige eingetreten, Leute, die wie heute aus allen Berufen kommen, Metallarbeiter ebenso wie Notare. Ich habe den bewaffneten Kampf als Aufgabe gesehen, um eine unerträgliche Situation zu überwinden: um demokratische Rechte durchzusetzen. Die Literatur hielt ich für etwas Längerfristiges, ich wollte zur Entwicklung von Sprache beitragen, das geben, was Literatur im kulturellen und menschlichen Sinn geben kann. Die baskische Literatur befand sich damals noch in einer Art Gründungsphase, und es schien mir wichtiger, daß unsere Bücher auf Baskisch die spezifischen Räume und Werte der Literatur bearbeiten, als daß sie uns mit Tagespolitik langweilen.

Gefängnis, Exil ... In Ihren Texten, sowohl in den lyrischen als auch Ihren narrativen, tauchen alltägliche Themen auf, aber die Gewalt ist immer präsent.

Das Gefängnis ist so bleiern: Dort zu sein macht dich krank. Auf diese Weise ist das Buch Gefängnisgedichte entstanden. Ich habe versucht, Zeugnis abzulegen. Wenn ein Krieg ausbricht, stirbt die Wahrheit immer als erstes, und ich wollte ein paar Teile der Wahrheit in meinen Texten retten, wenigstens einige Fragmente.

Was kann man über die politische Gewalt sagen? Die Gewalt ist eine Katastrophe, sie ergibt sich aus dem Scheitern der Politik, sowohl die Gewalt, die wir ausüben als auch die des Staates. Ich will keine Epik oder Lyrik der Gewalt schreiben, aber da sind die der Gewalt unterworfenen Personen. Es ist dieser menschliche Aspekt, der mich am meisten interessiert: die Menschen, die auf der anderen Seite dieser unsagbaren Grenze stehen.

Im engeren Sinne des Wortes ist das nicht politisch, sondern ein Versuch, die im Krieg sterbende Wahrheit zu retten. Nehmen Sie das Beispiel der Folter: Sie ist eine Tatsache, und dieses Ereignis erlaubt eine politische Darstellung. Aber hinter diesem Wer-wem-warum-oder-wozu gibt es eine fürchterliche, unaussprechliche Erfahrung jenseits der Grenzen der Politik, jenseits der von uns verwendeten Worte.

Trauen Sie sich eine Einschätzung über die Bedeutung der politischen Gewalt und besonders der ETA im baskischen Konflikt heute zu?

Ich glaube, das ist nicht meine Sache. In der Presse werden jeden Tag Hunderte Kommentare abgegeben, und ich habe den Eindruck, daß wir beim Reden darüber abgestandene Vorurteile wiedergeben, als müßten wir etwas herunterbeten. Was ich über politische Gewalt denke, habe ich gesagt: Sie ist ein Desaster, sie ist die Folge eines Versagens der Politik.

Es gab eine Zeit, da war viel von »engagierter Literatur« die Rede. Auf der einen Seite hieß es, man müsse engagierte Literatur machen, auf der anderen, daß man sich für die Literatur selbst engagieren müsse.

Was Literatur angeht, so kann ich nur eine Regel erkennen: daß man gute Literatur machen sollte. Wenn der Literatur Regeln aufgezwungen werden, dann entsteht etwas Verknöchertes. Daß der sozialistische Realismus zur Norm erhoben wurde, hat beispielsweise sowohl der Literatur als auch dem Sozialismus lange Zeit geschadet. Trotzdem ist es nicht wahr, daß politisches Engagement notwendigerweise die Literatur kaputtmacht. Einer der interessantesten englischen Texte, Jonathan Swifts »A modest proposal«, war zu seiner Zeit ein politisches Pamphlet, Walt Whitmans Werk ist Propaganda für die amerikanische Demokratie, und auch die revolutionären Kämpfe haben wunderschöne Bücher hervorgebracht.

Wenn du aber nur ein einziges Lehrbuch hast und es nicht nur für dich gilt, sondern allen aufgezwungen wird, dann entsteht verknöcherte, engstirnige, blöde Literatur – egal, worauf sich die Lehre bezieht. Für manche ist Literatur dazu da, eine Wahrheit zu verkünden, für andere ist sie eine ästhetische Aufgabe, wieder andere verfolgen nur das Ziel, die Leser zum Lachen zu bringen. Diese Konzepte mögen richtig oder falsch sein, aber wenn ich Literatur im allgemeinen betrachte, dann geht mich das Motiv des Autors nichts an.

Damals haben Sie Spanisch besser gelesen und geschrieben als Baskisch. Kann man sagen, daß es Ihnen auch heute noch leichter fällt, Spanisch zu sprechen?

Die Schule war auf Spanisch, und als ich lesen und schreiben lernte, habe ich nur noch wenig Baskisch gesprochen. Ich würde sicher leichter auf Spanisch schreiben. Ich bin seit über 20 Jahren aus dem Baskenland weg und habe, außer für kurze Zeit, nicht in einer baskischsprachigen Umgebung gelebt. Mir fällt das Baskische nicht leicht.

Aber ich glaube, ein Schriftsteller schreibt nicht, weil es ihm leicht fiele. Viele glauben ja, daß sich ein Schriftsteller einfach hinsetzt und Zeile für Zeile runterschreibt. Aber so ist das nicht. Thomas Mann hat mal gesagt, ein Schriftsteller ist derjenige, dem das Schreiben schwerer fällt als anderen. Er ist Schriftsteller, weil er für das Schreiben mehr Kraft und Anstrengung aufwenden muß.

Zumindest in meinem Fall stimmt das. Und auch dem ersten Schriftsteller, den ich kennengelernt habe, hat das Schreiben Mühe gekostet. Bernardo Atxaga war Schriftsteller, er war es auf eine Weise, wie eine Kuh eine Kuh ist, ein unglaublich sprachgewandter Mensch. Aber er verbrachte damals in seiner Wohnung schlaflose Nächte, um ein einziges kurzes Gedicht immer wieder zu überarbeiten. Nachher, wenn man die Sachen liest, wenn man die erschöpfende Arbeit von vier Tagen in drei Minuten wegliest, scheinen sie leicht geschrieben zu sein, weil sie gut geschrieben sind. Vielleicht gibt es Autoren, denen das Schreiben leicht fällt, aber für alle, die ich kenne, ist es eine große Kraftanstrengung.

Erstaunlicherweise – erstaunlich für jemanden, der Ihre Biographie kennt – sagen Sie von sich, Sie wären kein Nationalist.

Ich bin kein Nationalist, ich glaube grundsätzlich nicht an nationalistische Theorien. Ich glaube, daß die nationale Identität einer Person darin besteht, was sich die Person selbst aussucht; daß sie historische, religiöse, wirtschaftliche, linguistische und andere Kriterien verwendet, um eine eigene Identität zu definieren. Sie wählt sie aus. Ich bin für das Recht auf Selbstbestimmung, ich glaube, daß – so wie das Individuum sich selbst bestimmt – jede Gemeinschaft das Recht hat, sich von unten nach oben, dem Willen der Bevölkerung gemäß politisch zu organisieren. Ich denke, daß – wenn in unserem konkreten Fall eine Mehrheit der Basken eine Separation der Abhängigkeit von Spanien vorziehen sollte – wir dann auch das demokratische Recht dazu hätten.

Ich bin für die Unabhängigkeit, weil ich lieber in einem baskischen Staat leben würde. Von dieser Warte aus bin ich ein baskischer Nationalist so wie die Leute, die weiter zu Spanien gehören wollen, spanische Nationalisten sind. Oder so wie es in Iparralde viele französisch-nationalistische Basken gibt. Mir erscheint das nicht falsch. Basken haben ganz unterschiedliche Vorstellungen und Identifikationen, und es ist gut für uns, Alternativen zu haben. Wir brauchen Freiheit – aber wir alle, auch wir, die wir offensichtlich ein Problem damit haben, Spanier zu sein, haben Anspruch auf diese Freiheit.

Im allgemeinen Sinn, im kulturellen oder philosophischen, bin ich kein Nationalist. Ich glaube nicht, daß wir, die wir für die Unabhängigkeit sind, fundamentalistisch sind. das ist eine Erfindung spanischer Nationalisten. Die Staatsgrenzen für unveränderlich zu halten, die Selbstbestimmung, einen Mechanismus zur demokratischen Organisation des Zusammenlebens, nicht zu akzeptieren – das ist meiner Meinung nach Ausdruck eines durch und durch antidemokratischen Nationalismus.

Noch mal zurück zum Schreiben. Was waren die größten Hindernisse für Sie?

Das größte Hindernis war das Gefängnis, in manchen Situationen war es fast unmöglich zu schreiben. Zum Beispiel, wenn sie abends das Licht ausschalteten, wenn die Gefängniswärter einem das Papier klauten, wenn wir in andere Haftanstalten verlegt wurden und unsere Sachen nicht mitnehmen durften. Das war alles ein Horror, aber nicht nur fürs Schreiben, sondern fürs ganze Leben. Im Gefängnis wird selbst das Menschsein zum Problem.

Das Leben im Exil ist auch eine reichlich provisorische Angelegenheit. Manchmal hat man keine Schreibmaschine, manchmal keinen Kugelschreiber, von einem Ort zum anderen geht das Skript verloren, und man muß einen fast fertigen Text noch mal von vorn anfangen, man verliert die Lust. Zum Schreiben braucht man, neben Kugelschreiber und Papier, auch noch ein paar andere Utensilien, besonders eine Sprache. Ich habe über Jahre fast kein Baskisch gehört, mein Vokabular ist mit der Zeit regelrecht weggeschmolzen. Zum Schreiben brauchst du ein bißchen Ambiente, zumindest, wenn du nicht gerade ein ganz unzivilisierter Schriftsteller bist...

Außerdem schreibt man nicht einfach so für sich selbst. Auch wer die Einsamkeit mag, braucht einen Leser, und zwar keinen, der umrahmt auf dem Tisch steht, sondern einen, der Fragen beantwortet oder zumindest Reaktionen zeigt. Das größte Hindernis beim Schreiben ist wahrscheinlich diese verlängerte Einsamkeit.

Wenn Sie nicht vorher verhaftet werden, sind alle Ihre Strafen in ein paar Jahren verjährt. Träumen Sie von diesem Tag? Haben Sie keine Lust, ins normale Leben zurückzukehren? Wann und wie endet eine Flucht wie Ihre?

Ich glaube, daß meine Strafe schon heute verjährt ist. Aber das ist nicht das Problem. Wir Gefangenen und Exilierten können nicht gebannt auf Spaniens Robenträger blicken. Sie achten so wenig auf ihre eigenen Gesetze: Die Folter ist eine ganz normale Prozedur auf Polizeiwachen. Gefangene, die nach spanischem Recht seit vier oder fünf Jahren frei sein müßten, sind immer noch in Haft. Die Gesetze werden verändert, so wie es paßt ...

Bevor ich zurückkomme und einen auf unschuldig mache, müssen wir die spanische Legalität zurückdrängen und ein paar minimale Voraussetzungen schaffen, damit Basken in ihrem kleinen Winkel zwischen Spanien und Frankreich in Ruhe leben können.

Was wird für Sie das größte Problem sein, wenn Sie zurückkommen? Wovor haben Sie Angst?

Das Schwierigste wird sein, nach Hause zu kommen. Oder?



Übersetzung aus dem Baskischen: aul Zelik . Wir danken Hasier Etxeberria und dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. Interview von Hasier Etxeberria aus dem Buch »Bost Idazle« (Verlag Alberdania, Irun 2002).



Info zum Schriftsteller

Der Schriftsteller Joseba Sarrionandia ist im Baskenland eine lebende Legende. 1958, in den bleiernen Jahren des Franco-Regimes geboren, schloß sich Sarrionandia noch als Jugendlicher dem Widerstand gegen die Diktatur an. Etwa zur gleichen Zeit begann er, erste literarische Texte auf Baskisch zu verfassen und war Mitglied des Literaturkollektivs POTT. 1980 wurde Sarrionandia als ETA-Mitglied verhaftet und wegen mehrerer Banküberfälle zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.

Fünf Jahre später gelang Sarrionandia eine spektakuläre Flucht aus dem Gefängnis. In einer Lautsprecherbox versteckt, entkam er nach einem Knastkonzert. Sein Fluchthelfer Mikel Antza, ebenfalls Autor, mußte selbst untertauchen und stieg einige Jahre später zu einem der wichtigsten ETA-Führer auf. Sarrionandia lebt seit 1985 an einem unbekannten Ort in der Illegalität, Antza wurde 2004 in Südfrankreich verhaftet.

2001 veröffentlichte Sarrionandia den Roman »Der gefrorene Mann«, für den er den renommierten Preis der spanischen Literaturkritik erhielt. Das Buch erzählt die Geschichte eines baskischen Illegalen, der in Nicaragua Sprache und Erinnerung verliert und gewissermaßen »einfriert«. Mit zahllosen Verweisen auf die Klassiker der Weltliteratur verhandelt Sarrionandia die großen menschlichen Fragen: Einsamkeit, Freundschaft, Krankheit, Tod – und vor allem das Wesen der Erinnerung, der letzten verbliebenen Brücke des Exilanten nach Hause.

Tags:  Joseba Sarrionandia, Buch, Der gefrorene Mann, Raul Zelik, Baskenland, Exil

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