30. Dezember 2007

Erika Baum: »Einheit bei Liebknecht-Luxemburg-Demo gestört«

geschrieben von Antifaschistische Linke Berlin
Während Neonazis ermordete Sozialisten verhöhnen, debattiert Die Linke über Gedenken an »Opfer des Stalinismus«. Gespräch mit Erika Baum, geboren 1924 in Wien, war bereits als Jugendliche nach dem Anschluß Österreichs an das faschistische Deutschland in die illegale Arbeit der Kommunisten einbezogen. Seit 1945 engagiert sie sich im Kampf gegen neue faschistische Gefahren, heute ist sie in der DKP aktiv.

»Einheit bei Liebknecht-Luxemburg-Demo gestört«

Über das Neue Deutschland hat die Führung der Berliner Linkspartei dazu aufgerufen, am 13. Januar in der Gedenkstätte der Sozialisten nicht nur Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und andere Linke zu ehren, sondern auch namentlich benannte Opfer des Stalinismus. Für und Wider wird in der Zeitung nun lebhaft diskutiert. Wie beurteilen Sie diese Initiative?

Ich halte es für eine außerordentliche Gefahr, daß damit die Einheitlichkeit der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration gestört wird. Da wird eine Diskussion über die Geschichte zu einem Zeitpunkt geführt, an dem die Gefahren, die heute von Neonazis ausgehen, in den Mittelpunkt der gegenwärtigen Diskussion gestellt werden müßten, gerade im Hinblick auf die Vorbereitung der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration.

Würden Sie selbst an dem Stein mit der Aufschrift »Den Opfern des Stalinismus« eine Blume niederlegen, an einem anderen Tag als dem der Liebknecht-Luxemburg-Ehrung?

Nein, das würde ich nicht tun. Denn die Inschrift des Steins ist so formuliert, daß damit die erbittertsten Feinde des Sozialismus gemeint sein können. Mittlerweile ist auch klargeworden, daß sich damit auch Nazis geehrt fühlen und sich jetzt als Opfer des Stalinismus und als Vorkämpfer gegen ihn darstellen. Und ich halte es für vermessen – um es freundlich auszudrücken –,im Namen von Kommunisten einen solchen Stein gegen andere Kommunisten, mit denen sie gemeinsam gekämpft haben, hinzustellen. Es ist ein Stein, der sich gegen alles wendet, was Kommunisten und Sozialisten in allen Etappen ihres Kampfes versucht haben: Für die Interessen der Werktätigen einzutreten, den Feind richtig zu erkennen, sich im Kampf zu organisieren.

Der Initiator der Blumenniederlegung für die Opfer des Stalinismus hat erklärt, man müsse aller Opfer des Stalinismus gleichermaßen, unabhängig von ihren politischen Zielen, gedenken.

Wenn man eine solche Position vertritt, dann soll man bitte schön die Opfer beim Namen nennen, die durch die Inschrift dieses Steines geehrt werden sollen. Man soll ihre Gegensätzlichkeit genau erkennen. Und wenn man dann noch der Meinung ist, daß man diejenigen, die in diesem schrecklichen faschistischen Krieg gegeneinander standen, alle in gleicher Weise zu ehren haben soll, dann verstehe ich eigentlich gar nicht mehr, was die humanistische Aufgabe in der Zeit des Kampfes gegen den Hitlerfaschismus war.

Aber Sie verstehen die Argumentation von Leuten wie dem Berliner stellvertretenden Linksparteivorsitzenden Stefan Liebich, die sagen, wir müssen uns als Sozialisten eindeutig von Verbrechen, die im Namen des Sozialismus passiert sind, distanzieren?

Ich will nicht über die Beweggründe und die Motive von Herrn Liebich nachdenken. Ich jedenfalls verstehe nicht, wie man eine solche Diskussion führen kann, ohne die gegenwärtige Lage zur Kenntnis zu nehmen, ohne sich zutiefst davon getroffen zu fühlen, daß wir in einem Land leben, in dem Neonazis einen Antrag stellen dürfen, einen Platz nach einem ausgewiesenen Mörder von Liebknecht und Luxemburg zu benennen. Ich begreife nicht, wie man sich so glaubwürdig in die Tradition derer Stellen will, die gegen den Faschismus und für die eine sozialistische, gerechte Gesellschaft eingetreten sind, die aktiv waren gegen Ausbeutung und Rassismus. Wenn man sich ihnen verbunden fühlt, muß man doch die heutige Situation bei solchen Diskussionen wenigstens beim Namen nennen. Ich kann doch nicht so darüber reden, als ob ich jetzt in der Zeit der Seligen leben würde.

Ich habe große Sorge über das, was es heute an geschützter öffentlicher Meinung gibt, welche Rechte den Neonazis eingeräumt werden. Deshalb halte ich eine solche, die antifaschistische Bewegung spaltende Diskussion für schädlich. Und sie ist auch nicht im Sinne derer, deren Andenken man angeblich hochhalten will. Niemand sollte sich einbilden, in deren Namen reden zu dürfen.

Quelle: junge Welt

Tags:  Erika Baum, LL-Demo, Naziaufmarsch, DKP

Der Schwarze Kanal


http://dortmundquer.blogsport.de

Antiberliner

  • NEU: Antiberliner zu Nationalismus

    Scheinbar wichtiger als etwa das »Sparpaket« der Bundesregierung und ähnliche Umverteilungsaktionen von unten nach oben sind in der öffentlichen Debatte Ereignisse, mit denen sich alle identifizieren. Ob »Lena« oder die WM, das dahinter stehende Konzept ist die Nation. Sie…


    Weiter Lesen
  • Drei Neue Kapuzis bei Red Stuff

    Der Sommer neigt sich dem Ende und der Herbst klopft bereits an die Tür. Viele tauschen T-Shirts gegen Pulli und Jacke - oder gegen die neuen Kapuzenpullis vom Antifa Versand Red Stuff. Zuerst gab es die…


    Weiter Lesen

Hintergrundinfos und Broschüren

  • Broschüre: Wir bleiben alle - 2009

    Die Berliner Kampagne Wir bleiben alle hat pünktlich zu den Action Weeks eine neue, kostenlose Broschüre herausgebracht. Die Broschüre richtet sich gegen steigende Mieten, die Verdrängung von Menschen mit geringen Einkommen und…


    Weiter Lesen
  • Broschüre "Total Extrem" als PDF

    In einer neuen Broschüre "Total Extrem" [PDF] informiert die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) über die so genannte Totalitarismus- und Extremismusideologie. Diese setzt Links und Rechts gleich, verharmlost so die Gefahr von Neonazismus und ist explizit gegen linke,…


    Weiter Lesen
  • Antifa-Heft zum Festival FUSION

    Zum diesjährigen Musik-Festival FUSION publizierte die Antifaschistische Linke Berlin [ALB] ein kleines Heft [PDF hier 3.9 MB].Themen sind unter anderem Neonazismus, Krieg in Afghanistan, Krise und Finanzmärkte, Rassismus & Nationalismus, prekäre Beschäftigung und Bildungsproteste.…


    Weiter Lesen
  • Neue Zeitung der IL - hier als PDF

    Die Interventionistische Linke (IL), eine linke bundesweite Vernetzung in der auch die ALB organisiert ist, hat eine neue Ausgabe ihrer Zeitung [PDF] erstellt. Themen u.a. snd: Krisendemos am 12. Juni 2010, Recht auf…


    Weiter Lesen
  • Kommt zur Jugendantifa in Berlin!

    Du willst selbst aktiv werden gegen Nazis und soziale Ungerechtigkeit? Du hast keinen Bock dir ständig anzuhören, dass man doch eh nichts verändern kann? Dann mach mit bei der neuen Antifajugendgruppe. Komm vorbei, bring dich ein, zusammen heben wir…


    Weiter Lesen
  • Feature zu Gentrification in Berlin

    Der Norden Neuköllns verändert sich rasant. Die Mieten steigen, Kneipen und Cafés eröffnen. Zahlungskräftigeres Publikum zieht her. Damit einher geht auch eine beginnende Verdrängung der bisherigen Bevölkerung. Gentrification, so nennt sich das stadtpolitische Phänomen, das ähnlich und zum Teil…


    Weiter Lesen
  • Bundeswehr raus aus Afganistan!

    Deutschland führt Krieg in Afghanistan. Krieg um Rohstoffe, um neue Absatzmärkte zu erschließen und den Einfluss Deutschlands in der Welt zu sichern. Die BRD ist drittgrößter Waffenexporteur weltweit: Deutsche Konzerne wie ThyssenKrupp, EADS, MAN, HDW-Werft, Rheinmetall AG…


    Weiter Lesen
  • MP3-Feature zur Situation in Kolumbien

    Kolumbien gilt als wichtigster Verbündeter der USA in Lateinamerika. Die Politik des Präsidenten Uribes gilt als Gegenmodell zu der linksgerichteten Regierungen in den Nachbarländern Venezuela und Bolivien. Tatsächlich ist es Uribe gelungen, die Guerilla FARC zu schwächen und die…


    Weiter Lesen
  • Debatte: Krise, Protest, Widerstand

    Wir dokumentieren einen Beitrag des Historikers und Sozialforschers Karl Heinz Roth unter dem Titel Globale Krise – Globale Proletarisierung – Gegenperspektiven.Der Beitrag beschreibt wissenschaftlich, ausführlich und doch kompakt und verständlich die Hintergründe…


    Weiter Lesen
Labournet Germany