18. November 2002

Von »Freien Kameradschaften« und »Autonomen Nationalisten«

Nach der staatlichen Repressionswelle und den damit zusammenhängenden Verboten rechtsextremer Organisationen Anfang der 90er Jahre stellte sich für viele Neonazis die Frage »Wie weiter?«.



Ein Teil von ihnen sammelte sich daraufhin in der NPD bzw. deren Jugendorganisation »Junge Nationaldemokraten« (JN) und forcierte deren militante Radikalisierung. Der andere Teil sah für seinen Ansatz der offenen Propagierung des Nationalsozialismus kaum Möglichkeiten in der sich legalistisch gebenden NPD. Deshalb gründeten diese Neonazis mit dem Organisationsansatz »Freie Kameradschaften« Strukturen in Anlehnung an ein bereits ausgearbeitetes Konzept der »Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front« (GdNF).
Nach außen treten die einzelnen Kameradschaften wie ein locker organisierter Zusammenhang auf und suggerieren »Autonomie«. Dahinter verbergen sich aber meist feste Strukturen, die hierarchisch gegliedert sind. Anführer dieser bundesweiten Zusammenhänge sind vor allem Neonazikader, die durch ihre langjährige Zugehörigkeit zur NS-Szene anerkannte Autoritätsfiguren sind; so z.B. Christian Worch, ehemaliger GdNF-Kader und rekordverdächtiger Anmelder von Naziaufmärschen.

Bei ihren Aktivitäten gehen die Kameradschaften arbeitsteilig vor: Während sich ein Teil auf regionale Arbeit beschränkt, baut der andere Teil überregionale Strukturen auf und ist für bundesweite Mobilisierungen oder Kampagnen zuständig. Dazu gibt es sog. Koordinierungs- und Organisationsbüros wie das »Nationale und Soziale Aktionsbüro Mitteldeutschland« (Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen).
Weil die ca. 150 in der BRD existierenden Kameradschaften in ihrer Gesamtheit keine offizielle Organisation mit formaler, juristisch greifbarer Struktur darstellen, kann ein Verbot nur einzelne von ihnen treffen. Neben seiner Repressionsresistenz bietet der Ansatz der »Freien Kameradschaften« weitere Vorteile: Kurze Befehlswege und das Fehlen einer Parteibürokratie erlauben ein schnelles Agieren. Mit der bewussten Vermeidung eines festen Programms können sich verschiedene Positionen und Herangehensweisen unter einem Dach sammeln – was die Strukturen auch für Naziskins und rechte Hooliganschläger attraktiv macht.

Kameradschaftsmitglieder sind überwiegend männlich und im Schnitt zwischen 16 und 28 Jahren alt. Zu ihrem Selbstverständnis gehören u.a. das Eintreten für ein nationalsozialistisches System, offener Rassismus und eine strikt antisemitische Grundhaltung. Dabei betätigen sich die »Freien Kameradschaften« im wesentlichen auf folgenden Aktionsfeldern:
Sie propagieren ihre eigenen politischen Inhalte, d.h. in erster Linie revisionistische und geschichtsverfälschende Themen. Anlass für ihre Aufmärsche bieten Jahrestage wie der Todestag ihres »Märtyrers« Rudolf Hess oder der »Heldengedenktag« (»Volkstrauertag«), an dem die Neonazis in Halbe Kränze niederlegen wollen. Seit dem »Aufstand der Anständigen« im Sommer 2000 geht es den Kameraden um ihr Ansehen in der Gesellschaft: Aus taktischen Gründen wird »Meinungsfreiheit auch für Deutsche« gefordert sowie »gegen Staatshetze und Medienterror« oder »gegen Polizeiwillkür und linke Gewalt« polemisiert. Häufig greifen Kameradschaften öffentlichkeitswirksame, tagespolitische Themen auf und marschieren gegen Krieg (»Kein deutsches Blut für fremde Interessen«, »Gegen one world Polizei und US-Imperialismus«), führen Kampagnen gegen Kinderschänder durch, in denen die Todesstrafe gefordert wird, und skandieren gegen Sozialabbau oder »gegen Drogen und organisierte Kriminalität«.
Um den Ausbau ihrer Bewegung zu forcieren, machen sich »Freie Kameradschaften« für eigene Treffpunkte (Nazikneipen und –läden, Häuser und Jugendzentren) stark. Auf regelmäßig stattfindenden Kameradschaftsabenden werden interne Schulungen und Seminare durchgeführt. Um in die rechte Szene zu wirken gibt es eigene Zeitschriften, Fanzines und jede Menge Internetseiten. Darüber hinaus verbringen die Neonazis auch ihre Freizeit miteinander; beliebte Beschäftigungen sind Konzertbesuche, Fußballturniere oder Wehrsportübungen, die gleichzeitig auch militärische Übung darstellen.

Unter dem Label »Anti-Antifa« widmen sich die Kameradschaften der Bekämpfung ihrer politischen Feinde. In Anti-Antifa-Kampagnen werden Informationen über AntifaschistInnen und linke Gruppen, zudem auch über GewerkschafterInnen, JournalistInnen und Vertreter der Staatsgewalt gesammelt. Steckbriefe werden veröffentlicht, Drohungen ausgesprochen und Anschläge verübt.
Weitaus häufiger und körperlich betroffen sind aber alle diejenigen, die nicht in das biologistische, völkische und rassistische Weltbild der Neonazis passen und allein durch ihre Existenz Feinde darstellen. Schon die ständige Hetze bei Aufmärschen, in Flugblättern, Zeitschriften und im Internet stellt für die betroffenen Menschen eine Bedrohung dar.
In Berlin gibt es momentan acht »Freie Kameradschaften«, von denen aber einige kaum in der Öffentlichkeit auftreten. Dies mag u.a. daran liegen, dass in Ostdeutschland eine breite rechte Jugendkultur existiert, was zur Folge hat, dass hier auch Kameradschaften aus nur gering organisierten Neonazis entstehen; diese verschwinden als organisatorischer Zusammenhang oft nach kurzer Zeit wieder von der Bildfläche. Das bedeutet jedoch nicht, dass hier keine gefestigten, seit längerem politisch arbeitenden Kameradschaften existieren.
Faschistische Strukturen zerschlagen!

Lesetip:
Broschüre »Antifaschistische Information: Freie Kameradschaften« der »Antifa 3000«, zu beziehen über: RedStuff, Lausitzer Straße 10, 10999 Berlin

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