13. April 2007

Fidel Castro über Hunger, Armut und US-Imperialismus

Wenige aktuelle Staatspräsidenten der Welt zeichnen für eine menschenwürdige, sozialistische und konsequente Anti-Kriegspolitik: Fidel Castro [Wiki] ist einer von ihnen. Unter fortwährender wirtschaftlicher Blockade von USA/NATO/EU verwehrt sich Cuba dem neoliberalen Kapitalismus. Wir dokumentieren einem Aufsatz von Fidel Castro - erschienen Ende März 2007 in der cubanischen Zeitung Granma [spanisch] und in der BRD veröffentlicht von der Tageszeitung junge Welt. Mehr allgemeine Infos bei Cuba Sí.


Eine verhängnisvolle Idee

Ökonomische Richtlinie der US-Außenpolitik ist seit einer Woche, Treibstoff aus Lebensmitteln zu gewinnen. Von Fidel Castro [*].

Weltweit droht drei Milliarden Menschen der vorzeitige Tod durch Hunger und Durst.

Das ist keine übertriebene Zahl, es handelt sich um eine eher noch vorsichtige Schätzung. Ich habe nach dem Treffen von Präsident Bush mit den nordamerikanischen Automobilherstellern viel über diese Tatsache nachgedacht.

Die verhängnisvolle Idee, aus Nahrungsmitteln Treibstoff herzustellen, wurde am vergangenen Montag, dem 26. März, endgültig als ökonomische Richtlinie der US-amerikanischen Außenpolitik festgelegt.

Bushs Erklärung

Eine Korrespondenz der nordamerikanischen Nachrichtenagentur AP, die alle Ecken der Welt erreicht, sagt wortwörtlich: »Washington, 26. März (AP). Präsident George W. Bush lobte am Montag bei einem Treffen mit Fahrzeugherstellern die Vorzüge der Automobile, die mit Ethanol und Biodiesel fahren; bei der Versammlung wollte er seine Pläne zur Entwicklung von alternativen Brennstoffen vorantreiben.

Bush sagte, daß ein Kompromiß der Führungskräfte der nationalen Automobilindustrie zur Verdopplung der Produktion von Fahrzeugen mit alternativem Treibstoff dazu beitragen könnte, daß die Autofahrer in zunehmendem Maße auf Benzinmotoren verzichten und so die Abhängigkeit des Landes vom importierten Erdöl verringern.

›Das ist ein großer technologischer Fortschritt für das Land‹, sagte Bush nach Inspektion von drei mit Alternativkraftstoff betriebenen Fahrzeugen. Wenn das Land den Benzinverbrauch senken will, muß der Verbraucher die Möglichkeit haben, eine vernünftige Entscheidung zu fällen.

Der Präsident ersuchte den Kongreß, schnellstmöglich mit der Gesetzgebung voranzuschreiten, die die Regierung kürzlich vorbrachte, um die Verwendung von 132000 Millionen Liter (35000 Millionen Gallonen) Alternativtreibstoffen für das Jahr 2017 anzuordnen und um höhere Standards für das Einsparen von Kraftstoff bei Fahrzeugen durchzusetzen.

Bush traf sich mit dem Vorstandsvorsitzenden und Generaldirektor der General Motors Corporation, Richard Wagoner; dem Generaldirektor der Ford Motor Company, Alan Mulally, und dem Generaldirektor der zur Daimler Chrysler AG gehörenden Gruppe Chrysler, Tom LaSorda.

Die Teilnehmer des Treffens diskutierten Maßnahmen zur Unterstützung der Produktion von Fahrzeugen mit alternativen Kraftstoffen, Vorhaben für die Gewinnung von Ethanol aus Rohstoffen wie Gräsern oder Spänen und eine Empfehlung für die Senkung des Benzinverbrauchs um 20 Prozent innerhalb von zehn Jahren.

Die Diskussionen erfolgten zu einem Zeitpunkt, als die Benzinpreise gestiegen waren. Die jüngste Studie der Organisation Lundberg Survey zeigte, daß der nationale Durchschnittspreis für Benzin in den letzten Jahren um sechs Cent pro Gallone (3,78 Liter) auf 2,61 Dollar gestiegen war.«

Benzin aus Lebensmitteln

Ich glaube, daß die Reduktion und das Recyceln aller Motoren, die auf Elektrizitäts- und Kraftstoffbasis funktionieren, eine elementare und dringliche Notwendigkeit für die gesamte Menschheit ist. Das Drama besteht nicht darin, diesen Energieverbrauch zu verringern, sondern darin, aus Lebensmitteln Treibstoff zu machen.

Heute ist sehr genau bekannt, daß aus einer Tonne Mais entsprechend der Dichtewerte nur durchschnittlich 413 Liter Ethanol hergestellt werden können, das entspricht 109 Gallonen.

Daher sind 320 Millionen Tonnen Mais notwendig, um 35000 Millionen Gallonen Ethanol herzustellen. Der Durchschnittspreis für Mais in den Häfen der USA wird auf 167 Dollar pro Tonne angehoben.

Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO ist die Maisernte in den Vereinigten Staaten im Jahr 2005 auf 280,2 Millionen Tonnen gestiegen.

Auch wenn der Präsident von der Kraftstoffproduktion aus Gräsern oder Holzspänen spricht, ist jedem klar, daß diese Aussagen vollkommen unrealistisch sind. Man stelle sich vor: 35.000 Millionen Gallonen sind eine 35 mit neun Nullen!

Es werden schöne Beispiele darüber folgen, was die erfahrenen und gut organisierten Landwirte der Vereinigten Staaten in bezug auf Produktivität pro Kopf und pro Hektar erreichen: Aus dem Mais wird Ethanol; die Rückstände dieses Maises werden als Tierfutter mit 26 Prozent Proteinen verwendet; die Exkremente der Rinder werden als Rohstoff für die Gasherstellung genutzt. Das alles ist jedoch erst nach erheblichen Investitionen möglich, die nur die mächtigsten Firmen vornehmen können, denn alle Vorgänge erfolgen auf der Grundlage von elektrischer Energie und Kraftstoff. Wenden Sie dieses Rezept auf die Länder der Dritten Welt an, und Sie werden sehen, wie viele der Hungerleidenden unseres Planeten keinen Mais mehr konsumieren. Oder noch schlimmer: Geben Sie den armen Ländern die Finanzen für die Ethanolproduktion aus Mais oder aus anderen Nahrungsmitteln, und es wird kein Baum stehenbleiben, der die Menschheit vor dem Klimawandel schützen kann.

Andere Länder der reichen Welt planen nicht nur die Verwendung von Mais, sondern auch von Weizen, Sonnenblumenkernen, Raps und weiteren Nahrungsmitteln zur Kraftstoffherstellung. Für die Europäer wäre es z.B. ein gutes Geschäft, die gesamte weltweite Sojaproduktion zu importieren, um den Kraftstoffverbrauch ihrer Fahrzeuge zu reduzieren und das Vieh mit den Abfallprodukten dieser Hülsenfrucht zu füttern, die besonders reich an allen essentiellen Aminosäuren ist.

Pause für Klimawandel

In Kuba wurde Alkohol als Nebenerzeugnis der Zuckerindustrie hergestellt, nach drei Zuckerextraktionen aus dem Zuckerrohrsaft. Der Klimawandel beeinträchtigt bereits unsere Zuckerproduktion. Schwere Trockenzeiten und heftige Regenfälle ungekannten Ausmaßes wechseln einander ab, so daß in den 100 Tagen unseres sehr milden Winters kaum mit angemessenem Ertrag Zucker produziert werden kann, so daß die Erträge pro Tonne Zuckerrohr oder pro Hektar, aufgrund der langen Dürrezeiten während des Anbaus und in der Wachstums­phase, gesunken sind.

In Venezuela wird meines Wissens der Alkohol nicht exportiert, sondern dazu verwendet, die ökologische Qualität des eigenen Kraftstoffs zu verbessern. Aus diesem Grund, und unabhängig von der herausragenden brasilianischen Technologie für die Alkoholherstellung, ist für Kuba die Anwendung solcher Technologie zur direkten Alkoholproduktion aus dem Zuckerrohrsaft nur ein Traum oder eine Phantasie von Leuten, die auf diese Idee Hoffnungen setzen. In Kuba kann das Land, das für die direkte Herstellung von Alkohol genutzt werden könnte, viel nützlicher für die Produktion von Nahrungsmitteln für das Volk und für den Umweltschutz eingesetzt werden.

Alle Länder der Welt, reiche und arme, könnten ausnahmslos Milliarden Dollar Investitions- und Kraftstoffkosten sparen, indem sie einfach alle Glühlampen durch Leuchtstoffröhren ersetzen, Kuba hat das für alle Haushalte des Landes ermöglicht. Das bedeutet eine Atempause hinsichtlich des Klimawandels, ohne die Armen der Welt verhungern zu lassen.

Globalisierte Wirtschaft

Wie ersichtlich ist, verwende ich keine Eigenschaftswörter, um das System und die Herrscher der Welt zu charakterisieren. Diese Aufgabe beherrschen die Informationsfachleute und die ehrlichen Sozioökonomen und Politikwissenschaftler aufs beste, sie sind in der Welt zahlreich vertreten, sie ergründen unaufhaltsam Gegenwart und Zukunft unserer Spezies. Dazu reichen ein Computer und die wachsende Zahl der Netzwerke im Internet.

Heute kennen wir zum ersten Mal eine wirklich globalisierte Wirtschaft und eine herrschende Macht im wirtschaftlichen, politischen und militärischen Bereich, die in keiner Weise dem Rom der Imperatoren gleicht.

Einige fragen sich vielleicht, warum ich von Hunger und Durst rede. Meine Antwort: das ist nicht die andere Seite einer Münze, sondern das sind mehrere Seiten eines anderen Gegenstands, wie z. B. eines Würfels mit sechs Flächen oder eines Polyeders mit noch viel mehr Seiten.

Ich berufe mich in diesem Fall auf eine offizielle Nachrichtenagentur, die 1945 gegründet wurde und die gewöhnlich gut informiert ist über die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Welt: die TELAM. Wortwörtlich wurde dort verlautbart: »Etwa zwei Milliarden Menschen werden in weniger als 18 Jahren in Ländern oder Regionen leben, wo das Wasser nicht mehr als eine ferne Erinnerung ist. Zwei Drittel der Weltbevölkerung werden an Orten leben, wo dieser Mangel zu sozialen und wirtschaftlichen Spannungen solchen Ausmaßes führt, die die Völker zu Kriegen um das begehrte ›blaue Gold‹ treiben könnten.

In den letzten 100 Jahren ist der Wasserkonsum mehr als doppelt so schnell wie die Bevölkerung gewachsen.

Nach Statistiken des Weltwasserrats (WWC, World Water Council) werden 2015 schätzungsweise bis zu 3,5 Mil­liarden Menschen von dieser schwierigen Lage betroffen sein.

Die Organisation der Vereinten Nationen beging am 22. März den Weltwassertag, es wurde dazu aufgerufen, an diesem Tag unter der Koordination der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gegen den weltweiten Wassermangel anzugehen, mit dem Ziel, verstärkt auf die Zunahme des globalen Wassermangels aufmerksam zu machen sowie auf die Notwendigkeit einer stärkeren Integration und Kooperation, die es ermöglichen, die Wasserressourcen nachhaltig und effizient zu verwalten.

Viele Regionen der Welt leiden unter ernsthaftem Wassermangel, pro Person stehen dort weniger als 500 Kubikmeter Wasser pro Person und Jahr zur Verfügung. Es gibt immer mehr Regionen, denen es chronisch an diesem Lebenselement mangelt.

Hauptfolge des Wassermangels sind eine unzureichende Menge dieser wertvollen Flüssigkeit für die Produktion von Lebensmitteln, die Unmöglichkeit einer industriellen, urbanen und touristischen Entwicklung sowie Gesundheitsprobleme.« Soweit die Meldung von TELAM.

Ich lasse andere wichtige Tatsachen unerwähnt, wie die abschmelzenden Eismassen in Grönland und in der Antarktis, die Ozonlöcher und die steigende Quecksilberkonzentration in vielen der wichtigsten Speisefischarten.

Es wären auch noch andere Themen zu erörtern, aber ich möchte mit diesen Zeilen lediglich das Treffen des Präsidenten Bush mit den wichtigsten Führungskräften der nordamerikanischen Automobilgesellschaften kommentieren.

Fidel Castro | 28. März 2007


[*] Wir dokumentieren einen Beitrag des kubanischen Staatspräsidenten Fidel Castro, der am 29. März 2007 im Zentralorgan der KP Kubas Granma [spanisch] erschien und in Deutschland von der Tageszeitung junge Welt dokumentiert wurde. (Übersetzung: Elisabeth Mänzel)
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