08. November 2012

AIB: Eine Straße für Silvio Meier

geschrieben von Antifaschistische Linke Berlin
Im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen www.antifa.de und dem Antifaschistischen Infoblatt (AIB) veröffentlichen wir auf dieser Website exklusiv einen Artikel jeder neuen Ausgabe. Im Artikel »Eine Straße für Silvio Meier« – für die aktuelle Ausgabe (Nr.96) des AIB – beschäftigt sich die Antifaschistische Linke Berlin mit dem Gedenken an Neonazi-Opfer im öffentlichen Raum. Versuche, Mißerfolge und geglückte Aktionen – wie im Fall Silvio Meier – werden aufgezeigt.

Die komplette Ausgabe gibt es [hier]


Eine Straße für Silvio Meier

 

Gedenken an Neonazi-Opfer im öffentlichen Raum


Gastbeitrag: Antifaschistische Linke Berlin (ALB)

Die Benennung von Straßen, Plätzen und Großbauten wie Flughäfen, Stadien oder auch von ganzen Städten ist vom jeweiligen Zeitgeist geprägt. In der Regel werden Orte und Gebäude entsprechend der vorherrschenden politische Meinung benannt bzw. umbenannt. Sie sind daher immer auch ein Spiegelbild der aktuellen politischen Begebenheiten.

Zunächst ein kleiner Blick in die Geschichte: Es war üblich, ganze Städte nach Herrschern zu benennen. So trug die türkische Metropole Istanbul fast 2000 Jahre lang die Bezeichnung Konstantinopel – nach dem einstigen römischen Kaiser Konstantin der Große. Doch so weit muss nicht zurück gegangen werden. In der Zeit des Deutschen Reiches und insbesondere während des Nationalsozialismus wurden zahlreiche Plätze nach preußischen Königen, Feldherren oder später nach verstorbenen Nazigrößen benannt. Einige heißen noch immer so. In Wiesbaden existiert ein ganzes Feldherrenviertel und vielerorts wird weiterhin an den Steigbügelhalter der Nazis, Generalfeldmarschall Hindenburg, erinnert – in Münster wurde ein so benannter Platz im Sommer 2012  per Bürgervotum endlich umbenannt. Es gibt sogar noch immer Straßen, die an Offiziere der Wehrmacht (zum Beispiel der Adolf-Galland-Weg in Northeim oder die Rommel-Kaserne im Teutoburger Wald) erinnern oder an die faschistische »Legion Condor« (Spanische Allee in Berlin-Zehlendorf).

Im realsozialistischen Teil Deutschlands entwickelte sich nach dem Ende des Nationalsozialismus dagegen eine eigene Art der Gedenkkultur. Dort wurden zahlreiche Straßen und Plätze sowie Schulen und Bibliotheken nach antifaschistischen Widerstandskämpfern benannt, sie erinnern etwa an Bruno Baum, Richard Sorge oder Hilde Coppi. Die DDR wollte so den Ermordeten bzw. den Überlebenden der Konzentrationslager gedenken. Nach der sogenannten Wiedervereinigung wurden viele Namen wieder getilgt. Diese Namensänderungen sind in aller Regel politisch motiviert und je nach aktueller Lage mehr oder minder umstritten. So auch in Berlin-Kreuzberg: Als Ende 2004 ein Teil der Kochstraße nahe dem Axel-Springer-Hochhaus in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt werden sollte, regte sich Protest. Erst nach einem erfolgreichen Bürgerentscheid und jahrelangen politischen und gerichtlichen Auseinandersetzungen erfolgte die Namensänderung.

Auch die antifaschistische Bewegung hat immer wieder mobil gemacht, damit Straßennamen der Kolonialzeit, des Militarismus oder des Faschismus geändert werden. In einigen Städten gab und gibt es darüber hinaus Initiativen oder Kampagnen, um Plätze oder Straßen nach Opfern von Neonazigewalt zu benennen, meist nahe dem Ort, an dem die Menschen getötet wurden. Leider finden diese Initiativen nur teilweise einen erfolgreichen Abschluss, in jedem Fall ist aber ein langer Atem von Nöten. So scheiterte die von der Barnimer Kampagne »Light me Amadeu« (www.light-me-amadeu.de) angeregte Benennung einer Straße in Eberswalde nach Amadeu Antonio bislang an politischen Widerständen vor Ort. Der angolanische Vertragsarbeiter war in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1990 bei einer rassistischen Hetzjagd so schwer verletzt worden, dass er nach elf Tagen im Koma am 6. Dezember 1990 verstarb.

In Berlin verläuft eine solche Kampagne aktuell erfolgreich. Im November 2012 soll die Gabelsbergerstraße in Friedrichshain nach Silvio Meier benannt werden. Doch der Reihe nach: Vor zwanzig Jahren, am 21. November 1992, wurde der Hausbesetzer und Antifaschist Silvio Meier im U-Bahnhof Samariterstraße von Neonazis ermordet. Bereits am nächsten Tag gab es eine Demonstration mit mehreren tausend Teilnehmern, die die Trauer und Wut über den Mord zum Ausdruck brachte. Seither findet jährlich eine Gedenkdemonstration statt. Sie hat sich zur größten regelmäßigen antifaschistischen Demonstration in Berlin entwickelt und thematisiert immer auch aktuelle Umtriebe der Neonaziszene. Freunde und Angehörige, Basisinitiativen aus dem Kiez und antifaschistische Gruppen organisieren außerdem jedes Jahr zum Todestag eine Mahnwache am U-Bahnhof. Auf deren Initiative hin wurde dort eine Gedenktafel für Silvio Meier angebracht. Diese wurde mehrmals gestohlen und wiederholt beschädigt; inzwischen konnte durchgesetzt werden, dass die Berliner Verkehrsbetriebe sie dulden.

Seit vielen Jahren stand auch die Forderung nach der Benennung einer Straße für Silvio Meier als ein Zeichen aktiven antifaschistischen Gedenkens im Raum – ohne dass von »offizieller Seite« irgendetwas unternommen wurde. Um Druck zu erzeugen und dieses Ziel endlich konkret werden zu lassen, gründete sich im November 2010 die »Initiative für ein aktives Gedenken«, die von vielen Friedrichshainer Initiativen, Gewerbetreibenden und Einzelpersonen unterstützt wird. Einem Offenen Brief an die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) folgten unzählige Gespräche mit verschiedenen Politikern, Besuche bei Ausschusssitzungen, öffentlichkeitswirksame Aktionen wie eine symbolische Umbenennung, Pressearbeit, Infotische etc.

Von Anfang an wurde und wird das Gedenken an Silvio Meier aus der antifaschistischen Bewegung heraus getragen und organisiert. Die »Initiative für ein aktives Gedenken« will mit ihrer Arbeit erreichen, dass endlich auch von »offizieller Seite«, dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, ein Zeichen gesetzt wird, das über bloße Lippenbekenntnisse hinausgeht: »Es geht darum, einen Gegenpol zu einer voranschreitenden Entpolitisierung des Straßenbildes zu erzeugen. Es geht um eine Auseinandersetzung mit der Angelegenheit auch abseits vom Todestag. Und es geht darum, dass als ›Randgruppenphänomen‹ behandelte Themen wie Antifaschismus eine Wertschätzung auf parlamentarischer Ebene erhalten. Denn Gewalt von Neonazis im Stadtteil ist leider nicht Geschichte, sondern immer noch aktuell.« (aus dem Offenen Brief an die BVV)
All dies und die Tatsache, dass die Aktivisten nicht locker ließen, überzeugte am Ende die maßgeblichen Fraktionen in der BVV. Auf einer Bürgerversammlung im April 2012 gab es schließlich ein klares Votum für die Benennung der Gabelsbergerstraße nach Silvio Meier. Zudem will der Bezirk perspektivisch einen »Silvio-Meier-Preis« für antifaschistisches Engagement ausloben. Der lange Atem hat sich in diesem Fall also gelohnt. Bleibt zu hoffen, dass auch weitere Gedenkinitiativen und Kampagnen aus der antifaschistischen Bewegung erfolgreich verlaufen.   


Wer war Silvio Meier? Silvio Meier (*1965 in Quedlinburg) war bereits in der DDR in linken Gruppen, außerhalb des staatlichen Rahmens, engagiert. Auf dem evangelischen Kirchentag 1987 gehörte er zu den Mitbegründern der »Kirche von unten« (KvU). Linke Kräfte sammelten sich damals in der »Umweltbibliothek« um die Zionskirche im Prenzlauer Berg. Es war unter anderem Silvio Meier, der im Keller der Zionskirchgemeinde die illegalen »Umweltblätter« druckte – jener Zionskirche, in der 1987 der erste öffentlich gewordene Überfall von Neonaziskinheads auf linke Oppositionelle stattfand. Zwei Jahre später gab er das Oppositionsblatt »Morning Star« heraus. In der »Wendezeit« riefen Silvio Meier und weitere Berlin-Friedrichshainer aus der KvU die »Fröhlichen Friedrichshainer Friedensfreunde« ins Leben. Diese Gruppe besetzte im Dezember 1989 als eines der ersten Häuser in Ostberlin – die Schreinerstraße 47 im Berlin-Friedrichshainer Nordkiez. Silvio Meier und einige andere Besetzer aus der Schreinerstraße verdienten ihr Geld in einer alternativen Druckerei.   

Tags:  2012, AIB, Antifa, Silvio Meier

Der Schwarze Kanal


Zur Situation an der Gürtelstraße
www.antifa-versand.de
  • Red Stuff: Neue Shirts, Bücher & Co

    Beim Antifa-Versand Red Stuff gibt es verschiedene neue Angebote, darunter den jährlichen Antifa-Kalender 2012 sowie erstmalig einen Hoodie-Zipper ("Burn your flag"). Außerdem gibt es neue T-Shirt-Motiv: #Refuse,


    Weiter Lesen
Richtlinien zum Outing von Spitzeln

IL zu Krise und Rassismus

Hintergrundinfos und Broschüren

  • Ukraine: Solidarität mit den Antifas

    In den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ver­folg­ten An­ti­fa­schis­tIn­nen auf der gan­zen Welt mit gro­ßer Sorge die an­ge­spann­ten Er­eig­nis­se in der Ukrai­ne und Kiew. Nicht nur die maß­geb­lich von Fa­schis­tIn­nen an­ge­führ­ten Mai­dan-​Pro­tes­te, son­dern auch die Art und Weise des…


    Weiter Lesen
  • Debatte: Antifa in der Krise?!

    Im aktuellen Antifaschistischen Infoblatt findet sich ein empfehlenswerter Gastbeitrag von Avanti Berlin unter dem Titel »Antifa in der Krise?!«. Schwerpunkt sind die rassistischen Mobilisierungen gegen MigrantInnen. Es wird sich mit den aktuellen politischen Bedingungen beschäftigt und die politischen Unterschiede…


    Weiter Lesen
  • Infos zur Repression gegen Blockupy

    Aktuelle Information der Blockupy Antirepressions AG: Klagen gegen den Blockupy-Kessel 2013 kommen nicht voran – dafür erste Vorladungen gegen Gekesselte als Beschuldigte: Am 1. Juni 2013 hinderte die Polizei gewaltsam zehntausende Demonstrant/innen daran ihren Protest und…


    Weiter Lesen
  • Zeitung "junge Welt" in Gefahr

    Der deutschen Medienlandschaft mangelt es an unabhängiger und kritischer Berichterstattung; von linken Positionen ganz zu schweigen. Wenige Konzerne halten TV, Presse und Radio in ihren Händen – von FAZ bis BILD; von RTL2 bis Pro7. Zum Glück gibt…


    Weiter Lesen
  • Hintergründe: Tod von Oury Jalloh

    Mit Vertuschungen und Schweigen versuchen Dessauer Behörden, die These von Oury Jallohs Selbstmord aufrecht zu erhalten. Die Nebenklage strebt mit einem weiteren Brandgutachten eine erneute Revision an. Der Artikel mit dem Titel "Dritter Anlauf" erschien erstmalig in der Tageszeitung…


    Weiter Lesen
  • Broschüre "Total Extrem" als PDF

    In einer neuen Broschüre "Total Extrem" [PDF] informiert die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) über die so genannte Totalitarismus- und Extremismusideologie. Diese setzt Links und Rechts gleich, verharmlost so die Gefahr von Neonazismus und ist explizit gegen…


    Weiter Lesen
  • »Fight Back 05« erschienen

    »Für uns ist konsequenter Antifaschismus nicht mehr und nicht weniger als eine selbstverständliche Voraussetzung linker und linksradikaler Politik, unabhängig von der eigenen sonstigen politischen Schwerpunktsetzung.« – So stellt sich das Redaktionskollektiv des Antifa-Recherche-Magazins »Fight Back« in…


    Weiter Lesen
  • IL-Standpunkte: Krise + Rassismus

    Seit Jahren versuchen Nazis am 1. Mai mit Aufmärschen die »soziale Frage« zu thematisieren. In diesem Jahr will die NPD einen Monat vor den Blockupy-Protesten gegen die Krisenpolitik der Troika in Frankfurt am Main, Berlin und anderswo ihre völkisch…


    Weiter Lesen
  • Bibliothek des Widerstands

    Die Geschichte des linken Widerstands ist vielfältiger, als es scheint. Deshalb bringt der Laika-Verlag in Kooperation mit junge Welt seit März 2010 filmische Beiträge des Widerstands heraus. Das Ziel von Laika und junge…


    Weiter Lesen
  • Antifa ohne Antikapitalismus?

    Wir dokumentieren an dieser Stelle einen längeren Beitrag, der in der vergangenen Woche in der Tageszeitung junge Welt veröffentlicht wurde. Die AutorInnen setzen sich dabei mit der Frage des Antikapitalismus in der Antifa-Bewegung auseinander und stellen fest, dass…


    Weiter Lesen
  • Mitglied werden in der Roten Hilfe

    Die Rote Hilfe ist eine strömungsübergreife Solidaritäts- und Antirepressionsorganisation. Sie informiert über Verfolgung gegen Linke in der BRD und international. Zudem unterstützt sie Personen, die von Repression betroffen sind. Sie steht euch mit Beratung, anwaltlicher Betreuung…


    Weiter Lesen
jW