25. Oktober 2011

Demo am 29. 10. 2011 in Freiburg: Wem gehört die Stadt?

geschrieben von Recht auf Stadt - Freiburg
{moseimage}Demo für eine sozial-gerechte und ökologische Perspektive in Freiburg am 29. Oktober 2011: Gegen Verdrängung. Mieten stoppen. Eine Stadt für Alle.

„Freiburg ist so teuer, weil es attraktiv ist, sorry, das ist eben Marktwirtschaft“ (Badische Zeitung, 18. April 2011)
So sieht der grüne Ober­bür­ger­meis­ter Sa­lo­mon „seine“ Stadt.

Demonstration in Freiburg: 29.10.2011 | 14 Uhr | Bertoldsbrunnen

Doch in einer markt­wirt­schaft­lich or­ga­ni­sier­ten Stadt ist kein Platz für alle: Der öf­fent­li­che Raum wird kom­mer­zia­li­siert und über­wacht, der Nah­ver­kehr wird teu­rer, Mie­ten stei­gen und Men­schen mit ge­rin­gem Ein­kom­men wer­den an den Stadt­rand oder ins Um­land ver­bannt. So greift das Prin­zip der Ver­drän­gung, wis­sen­schaft­lich auch Gen­tri­fi­zie­rung ge­nannt, um sich: Stu­dis, Azu­bis, Al­lein­er­zie­hen­de, Ren­ter_in­nen, Mi­gran­t_in­nen, Al­ter­na­ti­ve und Hartz IV-​Emp­fän­ger_in­nen müs­sen in Frei­burg eben­so wie in an­de­ren Städ­ten den Bes­ser­ver­die­nen­den wei­chen.

Im­mo­bi­li­en­mak­ler_in­nen, Grund­stücks­be­sit­zer_in­nen, Ver­mie­ter_in­nen, Stadt­ver­wal­tung, Stadt­bau und die schwarz-​grü­ne Ge­mein­de­rats­mehr­heit sor­gen mit Be­bau­ungs­plä­nen, Ver­kauf und Lu­xus­sa­nie­rung für den rei­bungs­lo­sen Ab­lauf der „Auf­wer­tung“ und für die dar­aus re­sul­tie­ren­de Ver­drän­gung. Wo sich die Men­schen die­ser Ent­wick­lung nicht fügen, folgt ju­ris­ti­sche und po­li­zei­li­che Ge­walt. Öko­lo­gi­sche Maß­nah­men wer­den der­weil gegen so­zia­le Be­dürf­nis­se aus­ge­spielt, wenn Ge­bäu­de als Wohl­fühl­pro­duk­te ver­mark­tet wer­den, wie es sich in den zahl­rei­chen neu ge­bau­ten oder voll sa­nier­ten Pas­siv-​Häu­sern wie­der­spie­gelt. Durch die stän­di­gen Mie­ter­hö­hun­gen, die viel zu nied­ri­gen Löhne und Hartz IV-​Sät­ze ent­steht eine stän­di­ge Angst vor dem Ver­lust der Woh­nung. Die Le­bens­qua­li­tät in der „Wohl­fühl-​Green City“ hängt vom Geld­beu­tel ab.

Green City – ein Blen­dungs­ver­such

„Green City“ hat sich als po­si­tiv be­setz­tes Schlag­wort in­ner­halb kur­zer Zeit ein­ge­bür­gert. Der Be­griff ist Teil einer Mar­ke­ting-​Kam­pa­gne um Frei­burg als vor­bild­li­chen „Öko­st­and­ort“ in der Städ­te­kon­kur­renz zu po­si­tio­nie­ren. Alle, die es sich leis­ten kön­nen auf der neuen grü­nen Welle zu sur­fen, sol­len an­ge­zo­gen wer­den: Aka­de­mi­ker_in­nen, Un­ter­neh­men, In­ves­tor_in­nen und Tou­ris­t_in­nen. Mit der „Green City“ ist letzt­end­lich der An­satz eines „grü­nen Ka­pi­ta­lis­mus“ ge­meint, des­sen Prin­zip der Ge­winn­ma­xi­mie­rung den­noch im Ge­gen­satz zu den Be­dürf­nis­sen der Men­schen steht. Auch ein „grü­ner Ka­pi­ta­lis­mus“ ba­siert auf Wachs­tum und Ver­drän­gung. Eine so­zi­al-​öko­lo­gi­sche Per­spek­ti­ve muss da­ge­gen ein Ende der Wachs­tumsideo­lo­gie und einen frei­en Zu­gang zu allen ge­sell­schaft­li­chen Res­sour­cen (wie z.B. Wohn­raum, Nah­ver­kehr, Bil­dung, Ge­sund­heit, Le­bens­mit­tel, …) be­inhal­ten.

Ver­drän­gung ak­tu­ell

Der Woh­nungs­markt ori­en­tiert sich an Ver­wer­tungs­in­ter­es­sen und nicht an den Be­dürf­nis­sen der Men­schen. Eine zur Spe­ku­la­ti­on leer­ste­hen­de Woh­nung ist häu­fig lu­kra­ti­ver, als ihre güns­ti­ge Ver­mie­tung. Wäh­rend in Frei­burg ge­gen­wär­tig hun­der­te Woh­nun­gen leer­ste­hen, sind etwa 700 Men­schen woh­nungs­los. Doch auch die­je­ni­gen, die in einer Woh­nung woh­nen, sind Ver­drän­gungs­pro­zes­sen aus­ge­setzt. Aus der Viel­zahl der ak­tu­el­len Er­eig­nis­se in Frei­burg wol­len wir drei Bei­spie­le her­aus­grei­fen.

Im Quar­tier west­lich der Merz­hau­ser Stra­ße, wel­ches bis jetzt noch Be­woh­ner_in­nen quer durch alle so­zia­len Schich­ten be­her­bergt, wer­den ge­gen­wär­tig Miet- in Ei­gen­tums­woh­nun­gen um­ge­wan­delt. Der Stadt­teil liegt re­la­tiv nahe an der In­nen­stadt und wird in­zwi­schen für ein fi­nanz­star­kes Kli­en­tel at­trak­tiv. Wäh­rend die hier be­tei­lig­ten Im­mo­bi­li­en­fir­men aus den Häu­sern einen hö­he­ren Pro­fit er­wirt­schaf­ten wol­len, müs­sen die heu­ti­gen Be­woh­ner_in­nen wei­chen. Diese Ver­drän­gung geht mit einer sym­bol­träch­ti­gen Geste ein­her: Bal­ko­ne an den Ge­bäu­den wer­den nur den fi­nanz­star­ken Haus­hal­ten zur Ver­fü­gung ge­stellt, Zäune quer durch Grün­flä­chen zei­gen ganz sinn­bild­lich den Aus­schluss aus zuvor öf­fent­li­chem Raum. Am Bei­spiel des Quar­tiers las­sen sich auch die schlei­chen­den Pro­zes­se der Gen­tri­fi­zie­rung be­ob­ach­ten: die ak­tu­ell dem Ver­drän­gungs­pro­zess aus­ge­setz­ten WGs, in denen mehr­heit­lich Stu­die­ren­de woh­nen, waren ih­rer­seits die (un­ge­woll­ten) „Ge­win­ner“ der Ver­drän­gung von Mi­gran­t_in­nen und Hartz IV-​Emp­fän­ger_in­nen. Ein Man­gel an güns­ti­gem Wohn­raum führt dazu, dass fi­nanz­schwa­che Grup­pen ge­gen­ein­an­der aus­ge­spielt wer­den.

Die Aus­ein­an­der­set­zung um den Wa­gen­platz „Kom­man­do Rhino“, die zu­letzt in der lo­ka­len Pres­se hohe Wogen ge­schla­gen hat, zeigt eine wei­te­re Seite städ­ti­scher Ver­drän­gung. Der „um­kämpf­te“ Platz M1 stellt das Tor zum Vau­ban dar, ein Stadt­teil, der in der „Green City“-​Pro­pa­gan­da eine her­vor­ge­ho­be­ne Rolle spielt. Hier tref­fen ganz di­rekt grüne Ver­wer­tungs­in­ter­es­sen (Ho­tel-​, Ge­wer­be-​ und Wohn­raum im Sinne des „Green Busi­ness“) auf nicht-​kom­mer­zi­el­le, al­ter­na­ti­ve Wohn­for­men. Bau­wa­gen­le­ben als eine güns­ti­ge, öko­lo­gi­sche und mo­bi­le Al­ter­na­ti­ve zum Woh­nen in Häu­sern be­kommt in Frei­burg nicht den Raum, der allen an­de­ren im­mo­bi­len Wohn­for­men zu­ge­stan­den wird. Frei nach dem Motto: Pre­kär Woh­nen ja, aber dann bitte ren­di­te­träch­tig zur Miete.

In der Jo­hann-​Se­bas­ti­an-​Bach­stra­ße in Her­dern und im Metz­gergrün im Stüh­lin­ger spie­len sich ge­ra­de – ob­wohl in zwei ge­ra­de­zu ge­gen­sätz­li­chen Stadt­tei­len ge­le­gen – ähn­li­che Sze­na­ri­en ab: Ge­bäu­de, die bis­lang der Stadt­bau ge­hö­ren und so for­mell dem An­spruch an so­zia­les Woh­nen ge­nü­gen sol­len, wer­den sa­niert und pri­va­ti­siert, um hö­he­re Ge­win­ne zu ga­ran­tie­ren. Hier tritt die Stadt di­rekt als Ak­teu­rin in Er­schei­nung und treibt die Ver­drän­gung voran.

Die Mit­tel der Ver­drän­gung sind viel­sei­tig: Nicht ge­öff­ne­te Bal­kon-​Zu­gän­ge, Zäune quer durch zuvor ge­mein­schaft­lich ge­nutz­te Gär­ten, Kin­der­spiel­ver­bo­te in Grün­an­la­gen, Lu­xus­sa­nie­run­gen, Mie­ter­hö­hun­gen, Kün­di­gun­gen, Ab­fin­dungs­zah­lun­gen bis hin zu ge­walt­sa­men po­li­zei­li­chen Räu­mun­gen re­sis­ten­ter Be­woh­ner_in­nen. Zwang be­steht immer. Es hängt nur vom Wi­der­stand der Be­woh­ner_in­nen ab, ob die „un­sicht­ba­re Hand des Mark­tes“ im Stil­len agie­ren kann oder ob Kon­flik­te wie die spek­ta­ku­lä­re Räu­mung einer Wa­gen­burg oder ein Bür­ger_in­nen-​Ent­scheid um den Ver­kauf Städ­ti­scher Woh­nun­gen öf­fent­lich aus­ge­tra­gen wer­den.

Die Ak­teu­re der Ver­drän­gung

Die ak­tu­el­le Ent­wick­lung in Frei­burg kann ein­ge­ord­net wer­den in die Idee der „Un­ter­neh­me­ri­schen Stadt“. Städ­te mit ihren so­zia­len Funk­tio­nen wer­den der Markt­wirt­schaft un­ter­wor­fen – und die­ser Pro­zess mit Mar­ke­ting-​Kam­pa­gnen be­glei­tet, um den Be­woh­ner_in­nen trotz fak­ti­schem Aus­schluss wei­ter­hin eine Iden­ti­fi­zie­rung mit „ihrer“ Stadt („Green City“) zu er­mög­li­chen. In Zei­ten der Wirt­schafts­kri­se wird viel Geld in so­ge­nann­tes „Be­ton­gold“ (Häu­ser) in­ves­tiert. Um Ge­winn zu er­wirt­schaf­ten muss der Wert der Häu­ser ge­stei­gert wer­den, was den Pro­zess der Ver­drän­gung ver­stärkt. Die Im­mo­bi­li­en­mak­ler_in­nen und Grund­stücks­be­sit­zer_in­nen ver­su­chen ihre Pro­fi­te zu ma­xi­mie­ren. Stadt­ver­wal­tung, Ge­mein­de­rat und Po­li­zei sor­gen dafür, dass ihnen dabei keine Stei­ne im Weg lie­gen. Denn in der Stand­ort­kon­kur­renz um die in­ves­ti­ti­ons­freund­lichs­te Stadt möch­te Frei­burg ganz vorne lie­gen. Die­sem Vor­ha­ben fällt eine so­zia­le Stadt­po­li­tik zum Opfer. In der Ana­ly­se kön­nen wir uns also dem Ober­bür­ger­meis­ter nur an­schlie­ßen: das ist eben Markt­wirt­schaft… Die Kon­flikt­li­nie ver­läuft an genau die­ser Frage: wol­len wir eine Stadt der Ren­di­te oder eine Stadt ent­spre­chend der Be­dürf­nis­se ihrer Be­woh­ner_in­nen? Bei­des zu­sam­men gibt es nicht – auch wenn die Idee der „Green City“ es uns vor­ma­chen will. Der grüne Ka­pi­ta­lis­mus ist eine Lüge!

Wem ge­hört die Stadt?

Was in Frei­burg pas­siert, geht alle an. Die Um­struk­tu­rie­rung der Stadt darf nicht eine Sache von Ka­pi­tal­in­ter­es­sen sein, son­dern muss sich an den Be­dürf­nis­sen aller Be­woh­ner_in­nen ori­en­tie­ren. Dafür brau­chen wir or­ga­ni­sier­te Mie­ter_in­nen-​Zu­sam­men­schlüs­se, Frei­räu­me für un­kom­mer­zi­el­les Woh­nen und Leben, So­zia­le Zen­tren und ba­sis­de­mo­kra­ti­sche Stadt­teil­or­ga­ni­sa­ti­on.

Wir brau­chen Platz und Ge­le­gen­hei­ten für ge­mein­sa­me Treff­punk­te, Dis­kus­sio­nen, Feste und Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen. Orte an denen nicht schon im Vor­hin­ein fest­ge­legt ist, wie wir uns zu ver­hal­ten haben. Orte an denen kein öko­no­mi­scher Druck und keine au­to­ri­tä­re Auf­sicht exis­tiert. Orte für die in einer „Green City“ kein Platz ist: Räume für Nach­bar­schafts­tref­fen, of­fe­ne Gär­ten, nicht-​ein­ge­zäun­te Spiel­ge­le­gen­hei­ten für Kin­der, so­zia­le Zen­tren, Wa­gen­plät­ze…
Das Recht auf Stadt wird nicht ver­schenkt – wir müs­sen es uns er­kämp­fen.

Wir las­sen uns nicht ver­drän­gen – Frei­burg muss Ri­si­ko­ka­pi­tal wer­den!

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Sachsen Dreht FreiStaat

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