27. August 2010

Serbien: Staat finanziert Nazikonzert

geschrieben von Antifaschistische Linke Berlin
Dass die Rechten in Ungarn große Teile der Bevölkerung mobilisieren können, ist weitgehend bekannt – sei es mit der in diesem Jahr ins ungarische Parlament eingezogenen faschistischen Jobbik-Partei oder ihrem mittlerweile verbotenen „sportlicheren“ Flügel, der „Ungarischen Garde“, der aber immer noch sehr aktiv ist: So etwa im Verprügeln, Erschießen, etc. einzelner Roma oder sogar ganzer Familien und Siedlungen. Was aber machen die ungarischen „freien Kräfte“? 

Na, in der Sommerzeit – Ausflüge. Schließlich ist ihr „Großungarn“ ziemlich groß: Die heutigen Staaten Slowakei, Rumänien, Kroatien, Serbien erkennen sie eigentlich nicht an und nutzen auch jede Gelegenheit, die dort immer noch lebenden und – natürlich – „unterdrückten ungarischen Brüder“ zu besuchen. „Kulturprogramm“ ist indes unverzichtbar. Somit werden die engen Kontakte zwischen Neonazis in einzelnen ost- und westeuropäischen Staaten ausgeweitet, so dass sich zunehmend auch gemeinsame Treffen der Rechten innerhalb Osteuropas verzeichnen lassen.

Ein aktuelles Beispiel ist das Treffen ungarischer (Neo-)Faschisten in Kanji˛a, einem kleinen Ort im Norden der Vojvodina (Serbien), das vom 9.-11. Juli dieses Jahres von der „Vereinigten Ungarischen Jugend“, einer losen Verbindung verschiedener lokaler Gruppen organisiert wurde.1

Gäste dieser Versammlung, das als Treffen „junger ungarischer Kulturschaffender“ öffentlich dargestellt wurde, waren u.a. Nazi-Skinhead Bands wie „Titkolt ellenálás“, „Romantikus erőszak“, „Stratégia“ (Blood&Honour Band), „RPG“ oder die „Rock-Metal“-Band „Kárpátia“. Das Treffen fand insgesamt zum fünften Mal statt, was von mittlerweile langjährigen Beziehungen zwischen aus Ungarn kommenden neonazistischen Bands und lokalen (ungarischen) rechten Organisationen zeugt.

Die wohl prominenteste faschistische ungarische Gruppe, die neben Serbien auch in der Slowakei, Kroatien und in Rumänien aktiv ist, ist die in Ungarn inzwischen verbotene Jugendbewegung „64 Gespanschaften (Bezirke)“ – „Hatvannégy Vármegye Ifjúsági Mozgalom“.2 Diese mobilisiert in den „Gespanschaften“, d.h. Regionen, die nach dem Ersten Weltkrieg durch den Trianon-Vertrag von den Siegermächten dem damaligen Ungarn abgesprochen wurden und zwischen den neu entstandenen Staaten Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien aufgeteilt wurden.

Äußerst interessant war indes der Umgang des (serbischen) Staates mit dieser Veranstaltung. Laut inoffiziellen Informationen der Antifas vor Ort wurde die Veranstaltung von den lokalen/regionalen Behörden sogar finanziell unterstützt – auch wenn geringfügig. Unter dem Vorwand, sie würden Workshops zu „traditionellen Handwerken“ organisieren, beantragten die Veranstalter vom für Minderheiten zuständigen Landesministerium Gelder, die im Sinne des großen Engagements zum Schutz von Minderheitenrechten (über-)eifrig auch bewilligt wurden. Es bleibt offen, ob die Behörden überhaupt wussten, wer die „Vereinigte Ungarische Jugend“ ist, sofern der Antragsteller sich überhaupt als solcher zu erkennen gab. Sicher ist jedoch, dass diese „Panne“ ein klares Armutszeugnis für Staat und Gesellschaft in Serbien ist, wo es offenbar keine Sensibilisierung für das Problem der bestehenden faschistischen Gruppen gibt – egal ob serbisch oder ungarisch. Immerhin reagierte die serbische Polizei auf die veröffentlichten Infos der lokalen Antifa und konnte wenigstens eine Band (Kárpátia) an der Grenze abfangen und ihren Auftritt verhindern. Der Rest der „künstlerischen ungarischen Jugend“ jedoch durfte die Veranstaltung in aller Ruhe stattfinden lassen.  

Hier einiges, was die lokale Antifa-Gruppe in Novi Sad (AFANS) zu den Bands recherchiert hat:

„RPG“: Die Band ist eng verbunden mit dem Laden „Ungarischer Krieger“, der Organisation „64 Gespanschaften“, der Band „Hungarika“, die bei Wahlkampfveranstaltungen der „Jobbik“ auftrat, ferner mit dem Radiosender „Heilige Krone“ und anderen Organisationen, Gruppen und Medien stark rechter Ausrichtung. Gleichzeitig deuten Werbefotos des „RPG“ sowie Fotos von den Konzerten ohne Zweifel darauf hin, dass es sich um eine Gruppe handelt, die den primitivsten Faschismus propagiert.

 „Sztratégia“: Die Band versteckt sorgfältig jeden Bezug zu den Nazis, hat keine offen faschistischen Symbole, traten aber als Vorgruppe zu der bekannten Nazi-Band „Titkolt ellenálás“ auf und bei Konzerten, die von „Blood & Honour“ organisiert wurden […].

Kárpátia: Die Gruppe „Karpatia“ offenbart keine offen nazistischen Symbole, aber das nationalistische Gefühl ist mehr als ausgeprägt, was auf der Mehrheit der Fotos auf den Galerieseiten ihrer offiziellen Homepage zu sehen ist, zudem zu erkennen an der Karte Großungarns, die den Hintergrund der Galerie schmückt,  an den Fotos der Bandmitglieder in den Uniformen, in denen auch Gergely Pongrátz, der Gründer der Jobbik-Partei aufgetreten war, usw. […]“3


Fußnoten:

1: Antifašistička akcija Novog Sada (AFANS) (2010): Festival mađarskih fašista u Kanji˛i, 9.-11. jula 2010. URL: http://www.afans.org/vesti/festival-madjarskih-fasista-u-kanjizi-9-11-jula-2010-05072010, letzter Zugriff: 18.08.2010.
2: Zur Jugendbewegung 64 Gespanschaften siehe auch: Petakov, Zoran (2009): Neonacističke, fašističke i ekstremno desničarske organizacije u Srbiji [Neonazistische, faschistische und extrem rechte Organisationen in Serbien]. In: Klarić, ˇeljko; Atanacković, Petar (Hg.): Mapiranje desnog ekstremizma [Mapping des Rechtsextremismus]. Novi Sad: Cenzura, S. 50.
3: Links zu den Seiten und Youtube-Aufnahmen der Bands im Internet finden sich auf den Seiten der AFANS unter: http://www.afans.org/vesti/madjarski-fasisti-provaljeni-ste-08072010 und http://www.afans.org/vesti/festival-madjarskih-fasista-u-kanjizi-9-11-jula-2010-05072010, letzter Zugriff: 24.08.2010.

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