09. Juni 2010
Der 24-jährige Berliner Antifaschist Christoph T. saß im Jahr 2009 drei Monate unschuldig im Gefängnis. Ihm wurde eine versuchte Brandstiftung an einem Pkw vorgeworfen. Erfolgsdruck der Ermittler brachte den Antifaschisten in Untersuchungshaft. Über die Haftzeit und deren politische Hintergründe sprach mit ihm NIELS SEIBERT (Neues Deutschland).
Im Juli 2009 wurden Sie wegen vermeintlicher Autobrandstiftung festgenommen und waren 96 Tage inhaftiert. Wie war es, plötzlich im Knast zu sein?
So plötzlich war es nicht. Am 17. Juni 2009 wurde ich erstmals mit Tim H. wegen angeblicher Brandstiftung festgenommen, am folgenden Tag wieder entlassen. Die Berliner Staatsanwaltschaft wollte aber unbedingt Verantwortliche für die Brandstiftungen präsentieren und ging bei allen Instanzen in Beschwerde. In diesem Zeitraum war noch ungewiss, ob gegen mich Haftbefehl erhoben wird. Meine Anwältinnen bereiteten mich auf das Schlimmste vor. Die letzte Instanz vor dem Kammergericht sollte es dann sein, welche Haftbefehl gegen mich erhob, ohne neue Indizien vorweisen zu können. Ich wurde dann am 15. Juli 2009 morgens abgeholt, und als sich die schweren Stahltore von Berlin-Moabit hinter mir geschlossen hatten, merkte ich: »Nun bist du im Gefängnis.« Zuallererst verspürte ich Angst und eine große Ungewissheit, was nun als nächstes passieren würde. Doch am schlimmsten ist die Hilflosigkeit, die einem zu verstehen gibt, nicht mehr über sich selbst bestimmen zu können.
Mit welchen Problemen waren Sie konfrontiert?
Zu Beginn fiel es schwer, mich in dieser kalten Umgebung zurecht zu finden. Du wirst in deine Zelle gesteckt, und dann bist du auf dich allein gestellt. Niemand erzählt dir nur ansatzweise, welches die ersten Schritte sind. Ich beschäftigte mich anfänglich damit, Anträge zu schreiben, denn für alles musst du schriftliche Nachfragen ausfüllen. Dabei ging es z. B. um einen Fernseher, privates Essen, Bücher oder Genussmittel. Außerdem war es schwer, soziale Kontakte zu knüpfen oder Wäsche zu waschen. Wie im Leben vor den Gittern: Wenn du kein Geld hast, bist du verloren.
Womit ich starke Probleme hatte, war die ständige Überwachung, denn dadurch hat man sich ganz nach dem Panoptischen Bild überall beobachtet gefühlt. Außerdem musste ich mich allen und jedem unterordnen. Formen der Kritik oder eigenständiger Meinungsäußerung sind in der Moabiter Haftanstalt nicht erwünscht. Wer dagegen verstößt, erhält eine Strafe, in Form von Fernsehverbot, dem Verbot, die Fenster zu öffnen oder auch »Bunker« – das ist eine Zelle nur mit Toilette und Matratze –, und wer sich der Folter widersetzt, kann auch angekettet werden.
Sehr kompliziert war auch die Kommunikation mit Freunden oder Angehörigen, weil alle Gespräche von einem speziell abgestellten Beamten kontrolliert wurden.
Gab es auch etwas überraschend Positives?
Nein, der Knast ist für mich ein Folterinstrument und die Phrase der Resozialisierung ist nur Deckmantel. Die Mehrheit der Gefangenen sind sogenannte Wiederholungstäter. Sie müssen nach ihrer Entlassung feststellen, dass sich die gesellschaftlichen Bedingungen im Alltag nicht ändern und werden daher wieder, wegen ihrer Form der sozialen Abweichungen, eingesperrt und aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgesondert. Desweiteren veranlasst die Strafe lediglich einen psychischen und physischen Schaden, der sich in Abneigung oder Unterordnung ausdrückt.
Was hat Ihnen geholfen, die Zeit im Knast zu überstehen?
Sehr wichtig ist die Unterstützung durch Freunde und Bekannte von draußen. Dies vermittelt das Gefühl, nicht alleine zu sein und auch Menschen zu haben, die zu dir halten. Der beste Zeitvertreib ist Briefe schreiben, Fernsehen gucken, Einkaufen, Zellensport oder in einer der unterschiedlichen Beschäftigungsgruppen mitmachen, aber die sind meist alle überfüllt.
Es ist sehr schwer, nicht das Gefühl zu bekommen, dass einem die Decke auf den Kopf fällt, und die Möglichkeiten sind sehr beschränkt. Wichtig ist, sich selber klarzumachen, dass der Knastaufenthalt nur eine beschränkte Zeit dauert und daher vergehen wird. In meinem speziellen Fall konnte ich mir auch immer vor Augen halten, dass meine Inhaftierung politische Gründe hatte.
Wie bewerten Sie diese Gründe und ihre Auswirkungen?
Von Beginn an sollte ein »Täter« präsentiert werden, weil die Ermittlungsbehörden unter enormem Erfolgsdruck standen. Die Staatsanwaltschaft bestand darauf, Anklage zu erheben, obwohl ihr bekannt war, dass es keine Beweise gab und die Indizien nicht ausreichten. Die Ermittlungen waren vorsätzlich und von politischem Kalkül gelenkt. Außerdem hetzte die Boulevardpresse, ganz nach dem Sinnbild des politischen Feindes, gegen jegliches objektive Ermittlungsergebnis. Mir wurde auch deutlich, dass die Ermittlungen speziell genutzt wurden, um strukturell Teile der linken Szene auszukundschaften.
Im März 2010 wurden Sie vom Berliner Landgericht freigesprochen. Wie lautet die Begründung?
Ich wurde aus tatsächlichen Gründen freigesprochen – ein Freispruch erster Klasse. Das heißt, dass ich sicher nicht derjenige bin, der dieses Auto hätte anzünden können. Zu keinem Zeitpunkt habe ein dringender Tatverdacht bestanden. Es konnte nie geklärt werden, wie der Pkw in Brand geriet. Es gab zum konkreten Zeitpunkt eine Vielzahl anderer Menschen, die sich in direkter Umgebung aufhielten. Die Lampenölanhaftungen an meiner Kleidung waren mehrere Wochen alt, und am Auto selbst wurden nicht einmal Lampenölrückstände gefunden.
Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Die beiden Berliner Schüler Yunus und Rigo wurden mehrere Monate nach ihrer Verhaftung am 1. Mai 2009 entlassen und freigesprochen. Ihre Anwälte beschuldigen Polizisten, die beiden bewusst falsch beschuldigt zu haben. Was reitet die Berliner Ermittler und Staatsanwälte?
Die Ermittlungsbehörden stehen nicht nur unter einem enormen Erfolgsdruck, sondern inszenieren eine Kampagne gegenüber linken Strukturen, indem sie auch unmissverständlich in jedem politischen Diskurs links und rechts gleichsetzen. Dabei legen sie ihren Bericht gegen den politischen Feind gerne in ihrem Interesse aus, um ihn als zerstörerischen Chaoten und hasserfüllten Menschen darzustellen.
Interview entnommen von der Zeitung Neues Deutschland
»Knast ist ein Folterinstrument« Interview mit dem ehemaligen Gefangenen Christoph

Im Juli 2009 wurden Sie wegen vermeintlicher Autobrandstiftung festgenommen und waren 96 Tage inhaftiert. Wie war es, plötzlich im Knast zu sein?
So plötzlich war es nicht. Am 17. Juni 2009 wurde ich erstmals mit Tim H. wegen angeblicher Brandstiftung festgenommen, am folgenden Tag wieder entlassen. Die Berliner Staatsanwaltschaft wollte aber unbedingt Verantwortliche für die Brandstiftungen präsentieren und ging bei allen Instanzen in Beschwerde. In diesem Zeitraum war noch ungewiss, ob gegen mich Haftbefehl erhoben wird. Meine Anwältinnen bereiteten mich auf das Schlimmste vor. Die letzte Instanz vor dem Kammergericht sollte es dann sein, welche Haftbefehl gegen mich erhob, ohne neue Indizien vorweisen zu können. Ich wurde dann am 15. Juli 2009 morgens abgeholt, und als sich die schweren Stahltore von Berlin-Moabit hinter mir geschlossen hatten, merkte ich: »Nun bist du im Gefängnis.« Zuallererst verspürte ich Angst und eine große Ungewissheit, was nun als nächstes passieren würde. Doch am schlimmsten ist die Hilflosigkeit, die einem zu verstehen gibt, nicht mehr über sich selbst bestimmen zu können.
Mit welchen Problemen waren Sie konfrontiert?
Zu Beginn fiel es schwer, mich in dieser kalten Umgebung zurecht zu finden. Du wirst in deine Zelle gesteckt, und dann bist du auf dich allein gestellt. Niemand erzählt dir nur ansatzweise, welches die ersten Schritte sind. Ich beschäftigte mich anfänglich damit, Anträge zu schreiben, denn für alles musst du schriftliche Nachfragen ausfüllen. Dabei ging es z. B. um einen Fernseher, privates Essen, Bücher oder Genussmittel. Außerdem war es schwer, soziale Kontakte zu knüpfen oder Wäsche zu waschen. Wie im Leben vor den Gittern: Wenn du kein Geld hast, bist du verloren.
Womit ich starke Probleme hatte, war die ständige Überwachung, denn dadurch hat man sich ganz nach dem Panoptischen Bild überall beobachtet gefühlt. Außerdem musste ich mich allen und jedem unterordnen. Formen der Kritik oder eigenständiger Meinungsäußerung sind in der Moabiter Haftanstalt nicht erwünscht. Wer dagegen verstößt, erhält eine Strafe, in Form von Fernsehverbot, dem Verbot, die Fenster zu öffnen oder auch »Bunker« – das ist eine Zelle nur mit Toilette und Matratze –, und wer sich der Folter widersetzt, kann auch angekettet werden.
Sehr kompliziert war auch die Kommunikation mit Freunden oder Angehörigen, weil alle Gespräche von einem speziell abgestellten Beamten kontrolliert wurden.
Gab es auch etwas überraschend Positives?
Nein, der Knast ist für mich ein Folterinstrument und die Phrase der Resozialisierung ist nur Deckmantel. Die Mehrheit der Gefangenen sind sogenannte Wiederholungstäter. Sie müssen nach ihrer Entlassung feststellen, dass sich die gesellschaftlichen Bedingungen im Alltag nicht ändern und werden daher wieder, wegen ihrer Form der sozialen Abweichungen, eingesperrt und aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgesondert. Desweiteren veranlasst die Strafe lediglich einen psychischen und physischen Schaden, der sich in Abneigung oder Unterordnung ausdrückt.
Was hat Ihnen geholfen, die Zeit im Knast zu überstehen?
Sehr wichtig ist die Unterstützung durch Freunde und Bekannte von draußen. Dies vermittelt das Gefühl, nicht alleine zu sein und auch Menschen zu haben, die zu dir halten. Der beste Zeitvertreib ist Briefe schreiben, Fernsehen gucken, Einkaufen, Zellensport oder in einer der unterschiedlichen Beschäftigungsgruppen mitmachen, aber die sind meist alle überfüllt.
Es ist sehr schwer, nicht das Gefühl zu bekommen, dass einem die Decke auf den Kopf fällt, und die Möglichkeiten sind sehr beschränkt. Wichtig ist, sich selber klarzumachen, dass der Knastaufenthalt nur eine beschränkte Zeit dauert und daher vergehen wird. In meinem speziellen Fall konnte ich mir auch immer vor Augen halten, dass meine Inhaftierung politische Gründe hatte.
Wie bewerten Sie diese Gründe und ihre Auswirkungen?
Von Beginn an sollte ein »Täter« präsentiert werden, weil die Ermittlungsbehörden unter enormem Erfolgsdruck standen. Die Staatsanwaltschaft bestand darauf, Anklage zu erheben, obwohl ihr bekannt war, dass es keine Beweise gab und die Indizien nicht ausreichten. Die Ermittlungen waren vorsätzlich und von politischem Kalkül gelenkt. Außerdem hetzte die Boulevardpresse, ganz nach dem Sinnbild des politischen Feindes, gegen jegliches objektive Ermittlungsergebnis. Mir wurde auch deutlich, dass die Ermittlungen speziell genutzt wurden, um strukturell Teile der linken Szene auszukundschaften.
Im März 2010 wurden Sie vom Berliner Landgericht freigesprochen. Wie lautet die Begründung?
Ich wurde aus tatsächlichen Gründen freigesprochen – ein Freispruch erster Klasse. Das heißt, dass ich sicher nicht derjenige bin, der dieses Auto hätte anzünden können. Zu keinem Zeitpunkt habe ein dringender Tatverdacht bestanden. Es konnte nie geklärt werden, wie der Pkw in Brand geriet. Es gab zum konkreten Zeitpunkt eine Vielzahl anderer Menschen, die sich in direkter Umgebung aufhielten. Die Lampenölanhaftungen an meiner Kleidung waren mehrere Wochen alt, und am Auto selbst wurden nicht einmal Lampenölrückstände gefunden.
Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Die beiden Berliner Schüler Yunus und Rigo wurden mehrere Monate nach ihrer Verhaftung am 1. Mai 2009 entlassen und freigesprochen. Ihre Anwälte beschuldigen Polizisten, die beiden bewusst falsch beschuldigt zu haben. Was reitet die Berliner Ermittler und Staatsanwälte?
Die Ermittlungsbehörden stehen nicht nur unter einem enormen Erfolgsdruck, sondern inszenieren eine Kampagne gegenüber linken Strukturen, indem sie auch unmissverständlich in jedem politischen Diskurs links und rechts gleichsetzen. Dabei legen sie ihren Bericht gegen den politischen Feind gerne in ihrem Interesse aus, um ihn als zerstörerischen Chaoten und hasserfüllten Menschen darzustellen.
Interview entnommen von der Zeitung Neues Deutschland
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