Die Partisanenbewegung in Weißrussland

Wir dokumentieren einen Beitrag zur Partisanenbewegung auf dem Gebiet der Belorussischen SSR. Beitrag als PDF hier.
Белоруссия - Республика-партизанка1
Die Partisanenbewegung auf dem Gebiet der Belorussischen SSR
Von Uwe Stegemann und Reiko Pinkert
Weißrussland und die Nazi-Okkupation
Ende 1941 war die Belorussische Sozialistische Sowjetrepublik (BSSR; heutiges Weißrussland) vollständig von der Wehrmacht überrollt und besetzt worden. Nach drei Jahren Nazi-Okkupation waren ganze Regionen entvölkert, als die Rote Armee die Wehrmacht 1944 aus Weißrussland zurückdrängte. Von den fünfzehn Republiken der UdSSR hat die Belorussische SSR sicher die schwersten menschlichen und materiellen Verluste im Zweiten Weltkrieg erlitten.2 Die deutsche Vernichtungsmaschine überzog Weißrussland mit unvorstellbarem Grauen. Von den 270 größeren Ortschaften wurden 209 zerstört. Die Hauptstadt Minsk, die bereits Ende Juni 1941 besetzt wurde, war durch die vorangehenden deutschen Luftangriffe zu einem überwiegenden Teil zerstört. 620 Dörfer wurden mitsamt den Einwohnern vernichtet. Von den ca. 9 Millionen Einwohnern der BSSR wurden zwischen 2,2 und 3 Millionen Menschen Opfer der Nazi-Okkupation, also ein Drittel der damaligen Bevölkerung.3 In den über 260 Todeslagern in Belorussland (eines der größten war Trostenez bei Minsk), wurden 1,4 Millionen Menschen von deutschen Besatzungstruppen getötet.4 Kaum einer weiß, dass sich in Minsk das größte jüdische Ghetto Europas befand; in das auch Juden aus Hamburg, Bremen und Berlin verschleppt wurden. Von den ca. 1 Millionen Juden, die in Belorussland lebten, wurden mehr als 95 Prozent ermordet.5 Die industrielle Kapazität tendierte nach Forschungen von Christian Gerlach gegen Null, und der Viehbestand war um 80 Prozent gesunken. Weißrussland schien fast ausgelöscht.6
Im „Generalplan Ost“ lagen die Ziele für die besetzten Gebiete unverhohlen offen. 25 Prozent der Weißrussen, die den so genannten Rassenmerkmalen nach geeignet schienen, sollten eingedeutscht werden, 75 Prozent „umgesiedelt“ bzw. vernichtet werden. Ganze Landstriche sollten völlig von der einheimischen Bevölkerung „gesäubert“ und auf diesen Gebieten deutschen Kolonisten angesiedelt werden. Neben sechs bis sieben Millionen Menschen aus den annektierten polnischen Gebieten, drei Millionen aus den baltischen Staaten und sechs bis sieben Millionen aus der Westukraine, sollten fünf bis sechs Millionen aus Weißrussland deportiert werden. Es wurde geplant innerhalb der ersten zehn Jahre die „rassisch unerwünschte“ Bevölkerung zu töten, in den folgenden zehn Jahren vermutlich die „politisch Unerwünschten“. Umgesetzt werden sollte dies unter anderem im Generalplan, mit Hilfe spezieller Erlässe und Richtlinien sowie später auf der Grundlage des Generalsiedlungsplans im Ostland. Dieser war unter der Leitung des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete und dessen Chef, Alfred Rosenberg, für die vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung sowie die „Germanisierung“ großer Bevölkerungsteile gedacht. Rosenberg war auch verantwortlich für das „Generalkommissariat Weißruthenien“, das mit baltischen Gebieten das Reichskommissariat Ostland bildete.
Dabei ging es neben dem Vernichtungsfeldzug um die Ausplünderung menschlicher und materieller Ressourcen. Bei den größten Operationen deportierten die Deutschen insgesamt ca. 100.000 Menschen zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich. Der Staatssekretär im Reichsernährungsministerium, Herbert Backe, plante die Ausplünderung aller jener Gebiete der Sowjetunion, die einen Lebensmittelüberschuss produzierten. In Regionen wie Weißrussland sollten die Menschen verhungern. Der Rassenwahn der Nazis war die Voraussetzung für Vernichtungspolitik, allerdings wurde diese nicht unwesentlich durch einen erbarmungslosen wirtschaftlichen Pragmatismus bestimmt. Denn die Heeresgruppe Mitte sollte sich „aus dem Land“ versorgen. 1942 schränkte Generalquartiermeister Wagner den Nachschub ein und forderte die Soldaten auf, „sich das Fleisch selbst zu beschaffen“. So genannten Kreislandwirte und Landwirtschaftsführer, zumeist deutsche Bauern, die in Weißrussland die Ernte requirierten, entschieden auch darüber, welche Dörfer aus ihrer Sicht genügend Erträge ablieferten. Die anderen gerieten unter den Verdacht Partisanen zu beliefern und wurden abgebrannt, Einwohner verschleppt oder ermordet. Da sich letztlich auch Partisanen aus den Dörfern mit Lebensmitteln versorgen mussten, führten Wehrmacht, Sicherheitspolizei und SS, so Gerlach, zunehmend einen Kampf gegen die Partisanen unter „agrarwirtschaftlichen Kriterien“.
Die Heeresgruppe Mitte war 1941 mit 1,6 Millionen Soldaten in Weißrussland. Als Backe am 4. September 1941 erklärte, dass er nicht genügend Getreide liefern kann, befahl Hermann Göring „rücksichtslose Sparmaßnahmen“ und prophezeite „das größte Sterben seit dem Dreißigjährigen Krieg“. Die ersten Opfer waren sowjetische Kriegsgefangene, die auf Befehl dem Verhungern preis gegeben wurden. Nach Gerlach starben in Weißrussland 700.000 Gefangene. Im Stammlager 324 wurden durch Wehrmachtsangehörige einmal pro Woche alle Kranken erschossen und in Stolbzy verschwanden plötzlich alle Gefangenen, die Erfrierungen dritten Grades hatten. Nach Berechnungen von Christian Gerlach haben Wehrmachtssoldaten in Weißrussland mehr Gefangene erschossen als SS und Sicherheitspolizei.
Der Widerstand gegen die Nazi-Besatzung
Die nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion auftretenden Widerstandsaktionen sind, mit einigen Ausnahmen, Erscheinungen unorganisierter spontaner Gegenwehr. Besondere Bedeutung hatten dabei die durch das schnelle Vorrücken der Wehrmacht überrollten und zersprengten Truppenteile der Roten Armee. Die Organisierung des militärischen Widerstandes seit Sommer 1941 vollzog sich deshalb nicht als ein machtvolles Aufflammen, sondern zuerst unorganisiert durch versprengte Rotarmisten, jüdische Ghettoflüchtlinge, polnische Gruppen und entlaufene Kriegsgefangene. Auch stellte sich die Widerstandsbewegung in den einzelnen Gebieten Weißrusslands verschieden dar. Weißrussland eignete sich allerdings wegen seiner natürlichen Gegebenheiten - die dichten, tiefen Wälder und die Sümpfe – gut für die Organisierung von Partisanenaktivitäten. Somit gab es zumindest Rückzugsgebiete für die einzelnen Gruppen. Schwierig blieb die Situation hinsichtlich der direkten Kontakte zur Zivilbevölkerung, um vor allem dem Lebensmittelmangel entgegenzuwirken, was besonders in der Anfangszeit ein großes Problem darstellte. Das Misstrauen der Bevölkerung war gerade gegenüber „ortsfremden“ Kämpfern groß und ausgeprägt. Auch die Lebensmittelbeschlagnahmung über längere Zeit verkomplizierte das schwierige Verhältnis zusätzlich, verschlechterte es doch letztlich die eigene Lebenssituation. Die Beziehungen zwischen der Zivilbevölkerung und den Partisanen hing aber grundsätzlich von denen im Einmarsch und in der Besatzung angewandten Mitteln und den Repressionen der Nazis ab. Gegen vermeintliche Vergeltungsaktionen waren die Partisanen faktisch machtlos. Die Bevölkerung war somit den Vernichtungsaktionen schutzlos ausgesetzt.
Ohne Belieferung durch einen im Hinterland operierenden logistischen Apparat, mussten die Partisanen oftmals auch gegen kollaborierende Teile der Bevölkerung um ihr Überleben kämpfen. Dabei ist es nicht immer leicht, eine scharfe Grenze zwischen dem Überlebenskampf dienenden Taten und der Kollaboration zu ziehen, also solchen Tätigkeiten, die mehr waren, als das von der Besatzungsmacht erzwungene Minimum. Berücksichtigt werden muss dabei auch, dass es zumeist auch eine Entscheidung zwischen Kollaboration oder Tod war. Tatsächlich sind die Motive für den aktiven Widerstand genau so vielfältig wie für die Kollaboration mit den deutschen Besatzern. Keine Frage ist, dass es für letztere sehr wohl antisowjetische als auch antisemitische Motive gab. Das gilt insbesondere für diejenigen, die in den Dienst der Polizei oder gar des SD traten. Die Kirche spielte eine weniger rühmliche Rolle mit ihren deutsch-freundlichen Grußadressen und Hirtenbriefen gegen das „Bandenunwesen“. Hier sind eindeutig antisowjetische Motive zu finden, die sich gegen den „gottlosen Sowjetstaat“ richten, der die Kirche zudem weitgehend enteignet und seiner Macht beraubt hatte. Dazu kamen Kollaborationsinstitutionen wie das „Weißruthenische Selbsthilfewerk“. Während im westlichen Teil Weißrusslands ein stark verwurzelter Antisemitismus die Judenverfolgung mit ermöglichte, war es im östlichen Teil vor allem die antisowjetische Haltung, die Teile der Bevölkerung zur Kollaboration bewog.
Mit zunehmendem Widerstand gegen die brutale Besatzung, die immer mehr Weißrussen das Leben kostete, nahmen nicht nur mehr Menschen an Partisanenaktivitäten teil, sondern zogen sich auch mehr Menschen schutzsuchend in die schwer erreichbaren Gebiete zurück. Da es sich zunehmend also um Partisanen aus der Region handelte, änderte sich auch diesbezüglich das Verhalten der Zivilbevölkerung. Allerdings brachte dies auch zusätzliche Probleme mit sich. Die Partisanen waren bis 1942/43 weitgehend auf sich gestellt. Zwar erließ die sowjetische Regierung und das Zentralkomitee (ZK) der Kommunistische Allunions-Partei (WKP(b))7 am 29. Juni 1941 eine Direktive, in den grenznahen Gebieten Partisanengruppen zu bilden. Auch rief Stalin in einer Rundfunkrede am 3. Juli 1941 zum Widerstand gegen die Naziokkupation und zur Bildung von Partisanengruppen auf.8 Doch dies war wie Pfeifen im Walde, denn letztlich waren die zersprengten Teile der Roten Armee in Weißrussland auf sich selbst gestellt. Auch fehlte es an der entsprechend ausreichenden Bewaffnung; es gab keine Verbindung zum Oberkommando oder Militärstäben der Roten Armee. Diese fehlende Anbindung spiegelte sich auch in der sowjetischen Militärführung wider. Für kurze Zeit gab es ab dem 6. September 1942 das Amt des Oberbefehlshabers der Partisanenbewegung, zu dem das Mitglied des Politbüros des ZK WKP(b) Marschall der Sowjetunion K. J. Woroschilow ernannt wurde. Die Organisation, Vorbereitung und Führung der Partisanenhandlungen sollten Bestandteil der Militäroperationen der Roten Armee werden. Jedoch wurde bereits am 11. November der Posten des Oberbefehlshabers wieder abgeschafft und der zentrale Stab der Partisanenbewegung wurde als militär-operatives Organ der Partei unmittelbar dem Oberkommando des Hauptstabes untergeordnet (1942-44 Stabschef P. K. Ponomarenko).9
Die Partisanenbewegung in der Belorussischen SSR
Der schnelle Vorstoß der Wehmacht und die Besetzung Weißrusslands bis Ende 1941 war menschlich eine Tragödie. Militärstrategisch war der Vorstoß der Wehrmacht aber auch mit Blick auf Moskau von zentraler Bedeutung. Es bestand also für die sowjetische Führung ein erhebliches Interesse daran, Kräfte der Wehrmacht durch Aktivitäten im Hinterland zu binden. Als problematisch erwies sich anfänglich der nicht bestehende Kontakt zu Soldaten und die Kommandeuren der Roten Armee, die beim Rückzug bzw. den verlorenen Gefechten von ihren Truppenteilen getrennt wurden bzw. beim schnellen Vormarsch der Nazitruppen „überholt“ wurden und so ins Hinterland gerieten. Damit gab es zwar durchaus ein großes kämpferisches Potential, das konnte aber nicht „gelenkt“ bzw. „kommandiert“ und in eine Gesamtstrategie eingebunden werden.
Nach Schätzungen gab es im August 1941 schon 231 Partisanenabteilungen. Ende 1941 waren auf dem Territorium Belorusslands 437 Partisanenabteilungen mit mehr als 7.200 Partisanen aktiv. Eine der ersten Abteilungen bildete der ehemalige Spanienkämpfer W. S. Korsch.10 Später ging seine Abteilung in der große Partisanenvereinigung des Pinsker Gebiets auf. Unter den ersten Partisanen waren T. Bumaschkow und F. Pawlowski, die am 6. August 1941 die Partisanenabteilung „Roter Oktober“ aufbauten. Beiden wurde der Titel „Held der Sowjetunion“ verliehen. Die materiell-technischen Bedingungen der belorussischen Partisanenabteilungen wurden durch das Vorrücken der Wehrmacht nach Osten weiter verschlechtert, da sie nun weiträumig abgeschlossen waren. Die Ressourcen reichten nicht aus und es gab keine großangelegte Unterstützung. Problematisch waren auch die fehlenden Funkverbindungen. Die Unterstützung durch die lokale Bevölkerung war ungenügend. Die Lebensmittellage war für die Bevölkerung wie für die Partisanen katastrophal. Gerade im Winter 1941/42 war die Situation besonders schwer. Für die Partisanen kam der akute Mangel an Munition, Medikamenten und Ausrüstung hinzu. Die Aktivitäten und Handlungen der Partisanen stießen deshalb zusätzlich auf Ablehnung bei Teilen der Bevölkerung - gerade in den westlichen Gebieten Belorusslands.
Viele Abteilungen blieben daher auch weitgehend inaktiv und uneffektiv, da die materiell-technische Unterstützung und die mangelnde Rückkopplung mit der lokalen Bevölkerung fehlten.
Ab dem Frühling 1942 verbesserte sich die Situation dadurch etwas, dass durch die Bresche in der Front - das „Witebsker Tor“ – nun eine Verbindung mit den Partisanenabteilungen bestand. Die Siege der Roten Armee an der Front 1943-1944 waren nicht nur moralisch unterstützend und motivierend für die belorussischen Partisanen. Ihre Schläge gegen wichtige Militäreinrichtungen der Besatzer und strategisch neuralgische Punkte wurden quantitativ und qualitativ wirksamer. 1943 befanden sich etwa 60 Prozent des Territoriums Weißrusslands unter Kontrolle der Partisanen.11 Mehr als 20 Partisanenzonen dienten als Basis für die Partisanenabteilungen. Dort richteten sie z.T. mitten in Wäldern kleinere Flug- bzw. Landeplätze ein; von dort aus lief die Hauptversorgung der Partisanen mit Lebensmitteln und notwendiger Ausrüstung. Auf dem von den Partisanen befreiten Territorium wurden faktisch wieder Kolchose, kleine Betriebe, Schulen etc. in Gang gesetzt. Im Gegenzug zu den nun wirksamen Partisanenaktivitäten verstärkten die Nazis Strafexpeditionen. . Für die Tötung des Gauleiters von Brandenburg und Generalkommissar für Weißrussland in Minsk, Wilhelm Kube am 23. September 1943 wurden Massenerschießungen an Einwohnern von Minsk durchgeführt. Mehr als 140 Strafexpeditionen wurden durchgeführt. Und so flüchteten tausende Zivilisten in den Wald und in den Schutz der Partisanen.
Mit zunehmender Okkupationsdauer und dem Vernichtungsfeldzug gegen die Bevölkerung auf der einen Seite und der verbesserter Organisation, Struktur und Versorgung auf der anderen Seite verbesserte sich auch die Lage der Partisanen. 95.000 junge Männer und Frauen, vor allem des illegalen kommunistischen Jugendverbandes, beteiligten sich am Kampf. Die Verteilung von Flugblättern, das Besorgen von Waffen, Feindaufklärung, Sammeln von Lebensmitteln für die Partisanen, die Teilnahme an den Kampfoperationen waren alltägliche Arbeit. Aus ihnen entstanden Diversionsgruppen und ganze Abteilungen. Neben Flugblättern wurden 170 sowjetische Zeitungen im Hinterland herausgegeben.12 Die Bevölkerung und die Partisanen waren dank der illegalen Presse über die Ereignisse an der Front und über die Verbrechen der Nazis informiert.
Während der Nazi-Okkupation in Belorussland gab es 1.255 Partisanenabteilungen. Davon bildeten 997 Abteilungen 213 Brigaden. 258 Abteilungen kämpften selbständig. Insgesamt kämpften nach den Zählungen des Belorussischen Stabes der Partisanenbewegung 374.000 Partisanen.13
Der Partisanenkampf hat sich vom vereinzelten und oft uneffektiven Kampf der Anfangsperiode bis zu einem effektiven militärtaktischen und -operativen Zusammenwirken mit der vorrückenden Roten Armee in der letzten abschließenden Phase, die 1944 ihren Höhepunkt hatte, entwickelt. Erst 1943/44 waren sie in der Lage tatsächlich effektiv taktische Aufgaben wahrzunehmen:14
- die Zerstörung der Infrastruktur des Gegners (im Hinterland des Gegners) in einer beliebigen Form („Schienenkrieg“, Störung der Kommunikationsmöglichkeiten, der Strom- bzw. Energieversorgung, Behinderung der Lebensmittelversorgung und Verpflegung bspw. durch Vergiftung der Brunnen u.ä.);
- Diversionstätigkeiten (Verbreitung von Gerüchten oder Falschmeldungen, die Verfälschung oder Unterdrückung von Nachrichten und Dokumenten, offene oder versteckte Agitation, Ein- oder Ausschleusung von Personen;
- Schwächung des Gegners durch Anschläge;
- Aufklärung des Feindgebietes für mögliche militärische Operationen der Roten Armee.
Ergebnis ihres Kampfes war, dass sie in den Jahren der Nazi-Okkupation etwa 500.000 deutsche Soldaten, Offiziere und Kollaborateure töteten, 11.128 Militärzüge zur Entgleisung brachten, 948 Stäbe und Garnisonen der Besatzer zerschlugen, 18.700 Autos sprengten, 305 Flugzeuge abschossen bzw. zerstörten und 939 Militärlagerhäuser vernichteten.
Jüdische Partisanen in Belorussland
Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1941 mit der Invasion "Barbarossa" in Weißrussland einfällt, sind weder die Bevölkerung noch die dort stationierten Teile der Roten Armee vorbereitet. Ganze Divisionen zerbrechen. Während sich ein Großteil ergibt, fliehen hunderte russischer Soldaten in die Wälder. Durch das entstandene Machtvakuum herrscht nun ein Chaos, indem viele Weißrussen Juden überfallen, berauben, misshandeln und ermorden. Dazu kommt die deutsche Besatzung, welche die jüdische Bevölkerung ebenfalls zur Flucht zwingt.
Anfangs glaubten allerdings viele Juden noch durch Arbeit für die Deutschen und durch Denunziation anderer ihr eigenes Leben zu sichern. Verrat und Kollaboration ging allerdings hauptsächlich von der einheimischen Bevölkerung aus. Als ein Kopfgeld auf Juden von den Deutschen ausgesetzt wird, beginnen regelrechte Hetzjagden. Die einheimische Bevölkerung schaut hierbei nicht bloß zu, sondern beteiligt sich bei den Vergewaltigungen, den Misshandlungen und Morden. Auch Bauern, die Juden etwas zu essen geben, werden dafür von der Bevölkerung angegriffen und verraten. Dies war jedoch kein weißrussisches Spezifikum - auch in Polen, Litauen, der Ukraine etc. beteiligte sich die Bevölkerung an den Verbrechen der Nazis. Für viele Juden war somit eine Flucht die einzige Möglichkeit zu überleben. Die finanzielle Situation machte allerdings häufig eine Ausreise unmöglich. Auch die familiäre Bindung sowie teils verwirrende Warnungen der Judenräte erschwerten die Flucht. In Folge dessen gingen viele erst aufs Land und kurze Zeit später in die Wälder um sich den Partisanen anzuschließen.
Und so spielten jüdische Kämpfer eine nicht unwesentliche Rolle der Partisanenbewegung in Weißrussland. Auf dem Territorium der BSSR gab es schließlich mehr als 10 jüdische Partisanenabteilungen. In den Reihen der belorussischen Partisanen kämpften zwischen 1941-1944 etwa 12.000 Juden.15
Die jüdischen Partisanenabteilungen entstanden vor allem durch Juden, die aus dem Ghetto und den Lagern flüchten konnten. Viele von ihnen waren Mitglieder dortiger illegaler Organisationen. Illegale Gruppen bestanden u.a. in Minsk, Slonimsk, Baranowitschsk, Bobrujsk, Grodnensk, und Brest. In vielen Ghettos wurden Aufstände organisiert, vor allem sobald bekannt wurde, dass die Nazis Massenerschießungen planten bzw. vorbereiteten.
Die Gruppe der Geflohenen aus dem Minsker Ghetto, angeführt von S. Sorinym, hatte ein "Familienlager" (Abteilung Nr. 106) mit ca. 800 Juden eingerichtet. Im Bezirk Deretschina war die Abteilung unter dem Kommando Doktor I. Atlas, im Bezirk Slonima die Abteilung "Schtschors 51" gebildet worden. Im Bezirk Kopylja haben Juden, die aus dem Ghetto Neswischa und zwei anderen Ghettos fliehen konnten, die Abteilung "Schukow" und Juden aus dem Bezirk Djatlowo unter dem Kommando von Z. Kaplinski eine weitere Abteilung geschaffen. Die Widerstandskämpfer des Ghettos Bialystok und die Illegalen aus den zu ihm angrenzenden Städten haben die jüdische Partisanenabteilung "Kadima" und noch einige kleinere Partisanengruppen gebildet.
Bekannt geworden ist die größte jüdische Partisanenabteilung namens Kalinin, geschaffen von den Brüdern Bielski aus Stankiewicze. Anders als andere Partisanengruppen, war es nicht ihre Hauptaufgabe gegen die deutsche Wehrmacht zu kämpfen, sondern Jüdinnen und Juden zu retten. Die Bielski-Gruppe konnte allerdings auch der Denunziation und den Übergriffen seitens der Bevölkerung entgegentreten indem sie bestimmte Familien ermordete. Allerdings wurden sie auch von den russischen Soldaten wegen ihrer vielen "wertlosen Zivilisten" und zusätzlichen Gefahr kritisiert. Denn sie waren als Juden und Partisanen einem doppelten Risiko ausgesetzt, denunziert und verraten zu werden. Andere Partisanen lehnten eine Zusammenarbeit aus diesem Grunde ab, fürchteten sie doch eine zusätzliche Bedrohung der eigenen Partisanengruppen. Das Untertauchen bei der Bevölkerung bzw. die Inanspruchnahme von Unterstützung und Hilfe war genauso erschwert wie die Bildung von "gemischten" Partisanenabteilungen. Hinzu kamen antisemitische Einstellungen unter sowjetischen Partisanen die nicht selten in Übergriffen mündeten.16
Der hohe Organisierungsgrad sowie die Schlagkraft der unter sowjetischer Führung kämpfenden Partisanengruppen, hatten allerdings auch zu Folge, dass die Bekämpfung selbiger durch die Deutschen zunahm. Höhepunkt war die Razzia im Nalibocka-Wald vom 1. August 1943 bei der 20.000 deutsche Soldaten gegen russisch-weißrussische, jüdische und polnische Partisanen kämpften. Die Bielski-Gruppe rettete sich mit einem tagelangen Marsch durch die teilweise hüfttiefen Sümpfe. Nach der Abwehr der Razzia wurde die Bielski-Einheit dem sowjetischen Oberkommando unterstellt und war verantwortlich für Lebensmittel, die Herstellung und Reparatur von Kleidung etc. Die Gruppe Bielski rettete so ca. 1200 Menschen das Leben. Tuvia Bielski, der Anführer der Einheit, arbeitete erst in Israel als Taxifahrer und dann als Lastwagenfahrer in den USA. Mittellos und vergessen starb er 1987 in Brooklyn.
Filmempfehlung: Geh und sieh (russ. Иди и смотри), UdSSR 1985, Elem Klimow (Regisseur)
Buchempfehlung: Aus dem Ghetto in die Wälder: Bericht eines jüdischen Partisanen 1939-1945, Moshe Beirach
Zusatzbemerkung
Seidler ist out – Musial ist in! Während Franz Wilhelm Seidler, der unter anderem in seinem Machwerk „Die Wehrmacht im Partisanenkrieg. Militärische und völkerrechtliche Darlegungen zur Kriegsführung im Osten“ von 1999 die grausamste Maßnahmen der Nazis als Reaktion auf Partisanenaktivitäten darstellte, Autor der rechten Deutschen Militärzeitschrift ist und regelmäßig bei Veranstaltungen der geschichtsrevisionistischen Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) auftritt, selbst von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) nicht mehr als Vertreter der „seriösen Wissenschaft“ gesehen wird, schüttelte die FAZ am 8. Oktober 2009 einen neuen scheinbar seriöseren Kronzeugen wider die Partisanen aus dem Ärmel: Bogdan Musial. Bekannt durch seine Angriffe auf die Wehrmachtsaustellung, die er wegen ein paar falsch beschrifteter Fotos in Gänze in Frage stellte, fiel er mit seinem Buch „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen“ (2000) auch durch geschichtsrevisionistische Behauptungen auf. So erklärt er die Brutalisierung der deutschen Kriegführung mit begangenen sowjetischen Verbrechen. Auch spricht er der jüdischen Bevölkerung eine Teilverantwortung für die Pogromgelüste von Polen, Ukrainern und Litauern der Nazi-Okkupation zu, wobei er u.a. auf antisemitische Klischees von Zeitzeugen zurückgreift, wie etwa, dass Juden nicht von vorn, sondern „aus dem Hinterhalt“ schießen, die er dann zur Verallgemeinerung nutzt. Bereits in diesem Buch stellt er die „These“ auf, dass der Holocaust nicht zuletzt Folge des sowjetischen Partisanenkriegs wäre.
Ein Fortsetzung findet diese Linie nun in seinem Buch „, dessen Verdienst die „Entzauberung“ eines „Mythos“ sei, nämlich von den heldenhaften sowjetischen Partisanen, wie Jörg Baberowski von der FAZ fabulierte.17 Dass Problem sind nicht Feststellungen, dass es beim Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion zur Kollaboration von Weißrussen mit den Okkupationstruppen gab oder, dass viele Bauern von Partisanen zwangsrekrutiert wurden. Auch mag es ja militärhistorisch unterschiedliche Bewertungen des „militärischen Nutzens“ der Partisanen geben. Allerdings widerspricht sich Musial in diesem Punkt; jedoch nicht nur hierbei. Denn einerseits schreibt er, dass die Partisaneneinheiten ab dem Herbst 1942 zum „ernsthaften Problem für die Wehrmacht“ wurden. Andererseits behauptet er dann, die „meisten“ ihrer militärischen Einsätze hätten sich „nicht gegen die Besatzer“ gerichtet, sondern gegen „tatsächliche oder vermeintliche Kollaborateure“, letztlich also gegen die eigene Bevölkerung.
Was dieses Buch tatsächlich problematisch macht und ihm deshalb auch geschichtsrevisionistische Züge anhaften, ist, dass er die historischen Situationen und Ereignisse entweder völlig außen vor lässt oder in einer Weise gewichtet und wertet, die die Aktionen der Partisaneneinheiten so ziemlich auf die selbe Ebene bringen wie die der Nazis. Das in diesem bis zum heutigen Tage grausamsten Vernichtungskrieg, geführt von den deutschen Nazis, auf Seiten der Opfer nicht immer zwischen Verbündeten und Gegnern unterschieden wurde, kann kaum mit einer „Orgie der hemmungslosen Gewalt“ verglichen werden. Hier wird dem deutschen Geschichtsrevisionismus Tür und Tor geöffnet. Unterschiedslos wird eine offene Barbarei auf allen Seiten ausgemacht. Durch die Vermischung verschiedener wirklicher und vermeintlicher Opfergruppen werden Ursache und Wirkung von Krieg und Massenmord verwischt. Kein Wunder, wenn in diesem Zusammenhang immer wieder unterschwellig auch die Präventivschlagthese a la Suworow („Der Eisbrecher“) mitschwingt. Ilja Ehrenburg schrieb in einem Artikel der Кра́сная звезда (Roter Stern) im Sommer 1942 mit dem Titel „Rechtfertigung des Hasses“:
„Unsere Menschen träumen nicht von Rache. Nicht dafür haben wir unsere Jünglinge erzogen, damit sie auf die Ebene Hitlerscher Gewalttaten herabsinken. Niemals werden Rotarmisten deutsche Kinder töten, das Goethehaus in Weimar anstecken oder die Bibliothek in Marburg zerstören. Rache bedeutet, dass man Gleiches mit Gleichem vergilt, dass man die Sprache des Feindes zu sprechen sich anschickt. Wir aber haben mit den Faschisten keine Sprache gemein.“
Beitrag als PDF hier.
1 Übers.: Belorussland - Partisanenrepublik
2 In der der Sowjetunion und im heutigen Russland wird die Zeit zwischen dem Überfall Nazideutschlands auf die UdSSR und dem 8. Mai 1945 als Großer Vaterländischer Krieg bezeichnet.
3 Партизанское движение Беларуси в годы Великой Отечественной войны, Artikel des Direktors des Weißrussischen staatlichen Museums der Geschichte des
Grossen Vaterländischen Krieges G.I.Barkunas, in: http://www.pobeda-60.ru/main.php?trid=3605
4 Angaben des Ministerium für Kultur der Republik Belarus, in: http://khatyn.by/de/genocide/ccs/
5 История еврейской общины Беларуси, in: http://www.beljews.org/articles129.html?print=yes
6 Christian Gerlach „Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941-1944“, Hamburg 1999
7 1952 wurde die Partei in Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) umbenannt.
8 „In den vom Feind okkupierten Gebieten müssen Partisanenabteilungen zu Pferd und zu Fuß gebildet und Diversionsgruppen geschaffen werden zum Kampf
gegen die Truppenteile der feindlichen Armee, zur Entfachung des Partisanenkrieges überall und allerorts, zur Sprengung von Brücken und Straßen, zur
Zerstörung der Telephon- und Telegraphenverbindungen, zur Niederbrennung der Wälder, der Versorgungslager und der Trams. In den okkupierten Gebieten
müssen für den Feind und alle seine Helfershelfer unerträgliche Bedingungen geschaffen werden, sie müssen auf Schritt und Tritt verfolgt und vernichtet und alle
ihre Maßnahmen müssen vereitelt werden.“, in: http://www.stalinwerke.de/vaterlandkrieg/vk-001.html
9 Давыдов Д.В. (1982): Военные записки. Глава „О партизанской войне“; in: http://militera.lib.ru/memo/russian/starinov_ig/46.html
10 Nachfolgende Informationen sind entnommen aus: http://www.warmuseum.by/rooms/room_6
11 Nachfolgende Informationen sind entnommen aus: http://www.warmuseum.by/rooms/room_9/
12 Партизанское движение Беларуси в годы Великой Отечественной войны, Artikel des Direktors des Weißrussischen staatlichen Museums der Geschichte des
Grossen Vaterländischen Krieges G.I.Barkunas, in: http://www.pobeda-60.ru/main.php?trid=3605
13 Ebenda
16 Леонид Смиловицкий: Проявления антисемитизма в советском партизанском движении на примере Белоруссии, 1941 – 1944 гг., in:
http://www.homoliber.org/ru/uh/uh010303.html
17 Jörg Baberowski „Orgie hemmungsloser Gewalt“, in:
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948B/Doc~
E5E0CEC2FD2B74DA3A2802D7589759349~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Tags: Partisanen, Weißrussland, Widerstand, Faschismus, Sowjetunion, Belorussland, Belorussische SSR
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Wir dokumentieren einen Beitrag des Historikers und Sozialforschers Karl Heinz Roth unter dem Titel Globale Krise – Globale Proletarisierung – Gegenperspektiven.Der Beitrag beschreibt wissenschaftlich, ausführlich und doch kompakt und verständlich die Hintergründe…
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