11. März 2010
Totalitarismus war immer auch, ja vornehmlich eine Ideologie. Sie, die Ideologie des Totalitarismus diente der Verherrlichung der selber niemals hinreichend definierten »Demokratie« und der Bekämpfung aller Bestrebungen, die auf eine wie auch immer geartete Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse hinausliefen.
Begriff
Der Neologismus »totalitär«, bzw. »Totalitarismus« ist zu Beginn der 1920er Jahre von italienischen Antifaschisten erfunden worden, die Mussolini vorwarfen, einen »stato totalitario« zu errichten, der mit dem »linksfaschistischen« bolschewistischen Regime zu vergleichen und daher als »Rechtsbolschewismus« zu bezeichnen sei. Bewiesen wurde beides nicht. Weder der »totalitäre« Charakter der faschistischen Diktatur Mussolinis noch seine Ähnlichkeit mit dem bolschewistischen Regime Lenins. Daher war »totalitär« von Anfang an nichts anderes als ein politischer Kampfbegriff und eine Ideologie.
Ideologie
Übernommen wurde der ideologische Kampfbegriff »totalitär«, bzw. »Totalitarismus« einmal von verschiedenen deutschen, österreichischen und skandinavischen Sozialdemokraten, welche die kommunistische Sozialfaschismusthese mit der Behauptung begegneten, dass »Kozis« und »Nazis« »gleiche Brüder mit ungleichen Kappen« seien.
Den Sozialdemokraten schlossen sich verschiedene Ex-Kommunisten an, die ihren ehemaligen kommunistischen Genossen eine fatale politische und ideologische Nähe zum scheinbar bekämpften faschistischen Gegner vorwarfen. Schließlich bediente sich auch der vorgeblich »freie Westen« des Kampfbegriffs »Totalitarismus,« um während des Kalten Krieges den ehemaligen sowjetischen Kriegspartner mit dem kurz zuvor gemeinsam bekämpften Faschismus zu vergleichen und gleichzusetzen.
Bei der Bundesrepublik kam die Abgrenzung von und die Bekämpfung des zweiten deutschen Teilstaates hinzu. Außerdem wurde Totalitarismus als Gegenbegriff zur »freiheitlich demokratischen Grundordnung« verstanden und war so etwas wie eine Staatsideologie, mit der die eigene Staatsordnung für sakrosankt und unangreifbar erklärte wurde.
Theorie
Totalitarismus war oder soll jedoch auch die Bezeichnung von politologischen Systembegriffen und politischen Theorien sein, wonach Staaten (aber nicht Parteien!) als totalitär zu bezeichnen sind, wenn sie bestimmten Kriterien entsprechen. Dabei sind folgende Totalitarismustheorien von einander zu unterscheiden:
Einmal die »philosophische Totalitarismustheorie« von Hannah Arendt. Danach sind das Dritte Reich und die Sowjetunion (bis zum Tod Stalins) als »totalitär« zu bezeichnen, weil sie Folge und Ergebnis eines »Verfalls der Klassengesellschaft« seien, wobei sich die orientierungslos gewordenen »Massen« von der totalitären »Ideologie« beeinflussen ließen, die bestimmte »Klassen« oder »Rassen« zu Schuldigen der Misere stempelte und eine einfache Lösung aller Probleme ankündigte. Sie bestand in der »Verfolgung der Feinde« und der Schaffung und Erziehung eines »neuen Menschen« was durch »Terror« im allgemeinen, die Errichtung von (Erziehungs-)Lagern im besonderen erreicht werden sollte. Ideologie und Terror seien die wesentlichsten Elemente des totalitären »Führerstaates«, der sich auf eine »Elite« stütze, die sich wiederum aus dem »Mob« rekrutiere.
Zweitens das »idealtypisch statische Totalitarismusmodell« von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski (das im Kern auch von den weiteren Totalitarismustheoretikern wie Bracher, Drath, Löwenthal, Revel, Schapiro etc. übernommen worden ist.) Danach sind Staaten als »totalitär« zu bezeichnen, wenn sie folgende 6 Merkmale aufweisen, nämlich:
1.) Ideologie;
2.) Terror;
3.) monolithisches Einparteienregime;
4.) Befehlswirtschaft;
5.) Propagandamonopol;
6.) Waffenmonopol.
Drittens das auf Eric Voegelin zurückgehende Konzept der »politischen Religion«, das aber keineswegs nur auf Faschismus und Kommunismus, sondern auch auf verschiedene andere Regime von Echnaton über Cromwell bis Napoleon angewandt wurde.
Kritik
An allen Totalitarismustheorien ist einmal die dichotomische Gegenüberstellung von (westlicher) Demokratie und (totalitärer) Diktatur zu kritisieren, wobei der »totalitäre« Gegner dämonisiert, die eigene Seite dagegen verherrlicht und gegenüber unberechtigter und berechtigter Kritik immunisiert wird. Basis und Hintergrund ist eine manichäistische Einteilung der Welt in Gut und Böse. Bei Carl Joachim Friedrich wird zudem nicht die Demokratie, sondern die - von Carl Schmitt entlehnte - »konstitutionelle« der »totalitären Diktatur« gegenübergestellt.
Außerdem sind alle Totalitarismustheorien nicht oder kaum geeignet, die empirische Wirklichkeit sowohl des Faschismus wie des Kommunismus hinreichend zu erklären. Sie sind von der Kommunismus- und noch mehr von der Faschismusforschung eher widerlegt als bestätigt worden.
An Hannah Arendts Totalitarismustheorie ist folgendes zu kritisieren, bzw. nicht durch die Wirklichkeit gedeckt:
1. Einen »Verfall der Klassengesellschaft« hat es nicht gegeben.
2. »Klassen« sind nicht »Rassen«; und das Dritte Reich war ein »Rassenstaat« und kein Klassenstaat.
3. Im Dritten Reich ging es nicht um »Erziehung«, sondern um Vernichtung in Konzentrationslagern, die zum Teil keine »Erziehungs«- sondern »Vernichtungslager« waren.
4. Faschistische und kommunistische »Ideologie« sind unterschiedlich und zum Teil geradezu konträr. Rassismus ist etwas völlig anderes als der Marxismus.
5. Der »Terror« hatte in kommunistischen und faschistischen Regimen eine andere Funktion.
6. Den geschlossenen »Führerstaat« hat es im Dritten Reich nicht gegeben.
Das 6-Punkte-Modell von Friedrich und Brzezinski weist folgende Defizite auf:
1. Es ist statisch und kann daher die Wandlungen kommunistischer und faschistischer Regime kaum berücksichtigen.
2. Die einzelnen Elemente des Modells passen nicht auf beide Formen des Totalitarismus - Drittes Reich und Sowjetunion unter Stalin - in gleicher Weise. Die Ideologie war anders, weshalb auch der Terror eine tendenziell anderen Zweck hatte. Im Dritten Reich kann weder von einem »monolithischen Einparteienregime« noch von einer »Befehlswirtschaft« und nur zum Teil von einem »Propagandamonopol« die Rede sein. Das »Waffenmonopol« ist oder sollte auch in demokratischen Regimen in der Hand des Staates sein.
3. Die Anwendung des Modells auf die Sowjetunion nach Stalin und generell auf die sogenannten »realsozialistischen« (oder: spät- und poststalinistischen) Staaten stößt auf noch größere Schwierigkeiten. Dies gilt insbesondere für die DDR, die wohl kaum mit dem Dritten Reich zu vergleichen (kein Rassenkrieg und kein Rassenmord) oder gar gleichzusetzen ist. Letzteres kommt sogar einer Trivialisierung des Dritten Reiches gleich.
Das Konzept der »politischen Religion« trifft keineswegs nur auf die »totalitären«, sondern auch auf viele andere autoritäre und fundamentalistische Regime in Vergangenheit und Gegenwart zu und verliert dadurch an Trennschärfe.
Zusammenfassung
Schon der Begriff »totalitär« ist niemals hinreichend definiert worden. Dies gilt für seine beiden Bedeutungsinhalte. Einmal ist niemals gesagt und festgelegt worden, wann ein Staat nicht mehr »autoritär«, aber noch nicht völlig »total«, sondern »nur« »totalitär« ist oder sein soll. Zum anderen ist die postulierte grundsätzliche Ähnlichkeit oder gar Gleichheit von Faschismus und Kommunismus niemals hinreichend bewiesen worden.
Hinzu kam die politische Funktion, welche der Begriff von Anfang an hatte und auch haben sollte, weshalb Totalitarismus immer auch, ja vornehmlich eine Ideologie war. Sie, die Ideologie des Totalitarismus diente der Verherrlichung der selber niemals hinreichend definierten »Demokratie« und der Bekämpfung aller Bestrebungen, die auf eine wie auch immer geartete Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse hinausliefen. Gemeint waren nicht nur, aber vor allem solche, die von links eingebracht wurden.
Der grundsätzlich ideologische Charakter des Totalitarismus-Begriffs ist auch durch einige vorgeblich wissenschaftliche Theorien nicht verdeckt und überwunden worden. Schließlich sind alle Theorien des Totalitarismus empirisch nicht bewiesen worden. Außerdem hatten sie eine unverkennbare politische Funktion und Zielsetzung. Dies gilt keineswegs nur für die Bewahrung und Verteidigung der Demokratie. Unter dem Vorwand, die Demokratie gegenüber Kritikern von links und rechtes zu bewahren, kann die Demokratie nämlich selber eingeschränkt und zu dem werden, was der Totalitarismustheoretiker Carl Joachim Friedrich als »konstitutionelle Diktatur« bezeichnet hat. Zu kritisieren ist schließlich und vor allem der normative und anti-utopische Charakter aller Ideologien und Theorien des Totalitarismus. Werden doch alle Theorien und Utopien, welche die Schaffung einer besseren und gerechteren Gesellschaftsordnung im nationalen und globalen Rahmen beinhalten, abgelehnt und als »totalitär« verdammt. Dadurch kann der (Anti-)Totalitarismus selber zum Totalitarismus werden.
Prof. Wolfgang Wippermann, Historiker, FU Berlin
Quelle: antifa, März/April 2010
Totalitarismus - Thesen zur Auseinandersetzung mit einem Kampfbegriff
Wir dokumentieren einen Beitrag von Prof. Wolfgang Wippermann, Historiker unter dem Titel "Totalitarismus - Thesen zur Auseinandersetzung mit einem Kampfbegriff". Der Artikel erschien erstmalig in der März/April-Ausgabe der Zeitschrift antifa der VVN-BdA.
Totalitarismus war immer auch, ja vornehmlich eine Ideologie. Sie, die Ideologie des Totalitarismus diente der Verherrlichung der selber niemals hinreichend definierten »Demokratie« und der Bekämpfung aller Bestrebungen, die auf eine wie auch immer geartete Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse hinausliefen.
Begriff
Der Neologismus »totalitär«, bzw. »Totalitarismus« ist zu Beginn der 1920er Jahre von italienischen Antifaschisten erfunden worden, die Mussolini vorwarfen, einen »stato totalitario« zu errichten, der mit dem »linksfaschistischen« bolschewistischen Regime zu vergleichen und daher als »Rechtsbolschewismus« zu bezeichnen sei. Bewiesen wurde beides nicht. Weder der »totalitäre« Charakter der faschistischen Diktatur Mussolinis noch seine Ähnlichkeit mit dem bolschewistischen Regime Lenins. Daher war »totalitär« von Anfang an nichts anderes als ein politischer Kampfbegriff und eine Ideologie.
Ideologie
Übernommen wurde der ideologische Kampfbegriff »totalitär«, bzw. »Totalitarismus« einmal von verschiedenen deutschen, österreichischen und skandinavischen Sozialdemokraten, welche die kommunistische Sozialfaschismusthese mit der Behauptung begegneten, dass »Kozis« und »Nazis« »gleiche Brüder mit ungleichen Kappen« seien.
Den Sozialdemokraten schlossen sich verschiedene Ex-Kommunisten an, die ihren ehemaligen kommunistischen Genossen eine fatale politische und ideologische Nähe zum scheinbar bekämpften faschistischen Gegner vorwarfen. Schließlich bediente sich auch der vorgeblich »freie Westen« des Kampfbegriffs »Totalitarismus,« um während des Kalten Krieges den ehemaligen sowjetischen Kriegspartner mit dem kurz zuvor gemeinsam bekämpften Faschismus zu vergleichen und gleichzusetzen.
Bei der Bundesrepublik kam die Abgrenzung von und die Bekämpfung des zweiten deutschen Teilstaates hinzu. Außerdem wurde Totalitarismus als Gegenbegriff zur »freiheitlich demokratischen Grundordnung« verstanden und war so etwas wie eine Staatsideologie, mit der die eigene Staatsordnung für sakrosankt und unangreifbar erklärte wurde.
Theorie
Totalitarismus war oder soll jedoch auch die Bezeichnung von politologischen Systembegriffen und politischen Theorien sein, wonach Staaten (aber nicht Parteien!) als totalitär zu bezeichnen sind, wenn sie bestimmten Kriterien entsprechen. Dabei sind folgende Totalitarismustheorien von einander zu unterscheiden:
Einmal die »philosophische Totalitarismustheorie« von Hannah Arendt. Danach sind das Dritte Reich und die Sowjetunion (bis zum Tod Stalins) als »totalitär« zu bezeichnen, weil sie Folge und Ergebnis eines »Verfalls der Klassengesellschaft« seien, wobei sich die orientierungslos gewordenen »Massen« von der totalitären »Ideologie« beeinflussen ließen, die bestimmte »Klassen« oder »Rassen« zu Schuldigen der Misere stempelte und eine einfache Lösung aller Probleme ankündigte. Sie bestand in der »Verfolgung der Feinde« und der Schaffung und Erziehung eines »neuen Menschen« was durch »Terror« im allgemeinen, die Errichtung von (Erziehungs-)Lagern im besonderen erreicht werden sollte. Ideologie und Terror seien die wesentlichsten Elemente des totalitären »Führerstaates«, der sich auf eine »Elite« stütze, die sich wiederum aus dem »Mob« rekrutiere.
Zweitens das »idealtypisch statische Totalitarismusmodell« von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski (das im Kern auch von den weiteren Totalitarismustheoretikern wie Bracher, Drath, Löwenthal, Revel, Schapiro etc. übernommen worden ist.) Danach sind Staaten als »totalitär« zu bezeichnen, wenn sie folgende 6 Merkmale aufweisen, nämlich:
1.) Ideologie;
2.) Terror;
3.) monolithisches Einparteienregime;
4.) Befehlswirtschaft;
5.) Propagandamonopol;
6.) Waffenmonopol.
Drittens das auf Eric Voegelin zurückgehende Konzept der »politischen Religion«, das aber keineswegs nur auf Faschismus und Kommunismus, sondern auch auf verschiedene andere Regime von Echnaton über Cromwell bis Napoleon angewandt wurde.
Kritik
An allen Totalitarismustheorien ist einmal die dichotomische Gegenüberstellung von (westlicher) Demokratie und (totalitärer) Diktatur zu kritisieren, wobei der »totalitäre« Gegner dämonisiert, die eigene Seite dagegen verherrlicht und gegenüber unberechtigter und berechtigter Kritik immunisiert wird. Basis und Hintergrund ist eine manichäistische Einteilung der Welt in Gut und Böse. Bei Carl Joachim Friedrich wird zudem nicht die Demokratie, sondern die - von Carl Schmitt entlehnte - »konstitutionelle« der »totalitären Diktatur« gegenübergestellt.
Außerdem sind alle Totalitarismustheorien nicht oder kaum geeignet, die empirische Wirklichkeit sowohl des Faschismus wie des Kommunismus hinreichend zu erklären. Sie sind von der Kommunismus- und noch mehr von der Faschismusforschung eher widerlegt als bestätigt worden.
An Hannah Arendts Totalitarismustheorie ist folgendes zu kritisieren, bzw. nicht durch die Wirklichkeit gedeckt:
1. Einen »Verfall der Klassengesellschaft« hat es nicht gegeben.
2. »Klassen« sind nicht »Rassen«; und das Dritte Reich war ein »Rassenstaat« und kein Klassenstaat.
3. Im Dritten Reich ging es nicht um »Erziehung«, sondern um Vernichtung in Konzentrationslagern, die zum Teil keine »Erziehungs«- sondern »Vernichtungslager« waren.
4. Faschistische und kommunistische »Ideologie« sind unterschiedlich und zum Teil geradezu konträr. Rassismus ist etwas völlig anderes als der Marxismus.
5. Der »Terror« hatte in kommunistischen und faschistischen Regimen eine andere Funktion.
6. Den geschlossenen »Führerstaat« hat es im Dritten Reich nicht gegeben.
Das 6-Punkte-Modell von Friedrich und Brzezinski weist folgende Defizite auf:
1. Es ist statisch und kann daher die Wandlungen kommunistischer und faschistischer Regime kaum berücksichtigen.
2. Die einzelnen Elemente des Modells passen nicht auf beide Formen des Totalitarismus - Drittes Reich und Sowjetunion unter Stalin - in gleicher Weise. Die Ideologie war anders, weshalb auch der Terror eine tendenziell anderen Zweck hatte. Im Dritten Reich kann weder von einem »monolithischen Einparteienregime« noch von einer »Befehlswirtschaft« und nur zum Teil von einem »Propagandamonopol« die Rede sein. Das »Waffenmonopol« ist oder sollte auch in demokratischen Regimen in der Hand des Staates sein.
3. Die Anwendung des Modells auf die Sowjetunion nach Stalin und generell auf die sogenannten »realsozialistischen« (oder: spät- und poststalinistischen) Staaten stößt auf noch größere Schwierigkeiten. Dies gilt insbesondere für die DDR, die wohl kaum mit dem Dritten Reich zu vergleichen (kein Rassenkrieg und kein Rassenmord) oder gar gleichzusetzen ist. Letzteres kommt sogar einer Trivialisierung des Dritten Reiches gleich.
Das Konzept der »politischen Religion« trifft keineswegs nur auf die »totalitären«, sondern auch auf viele andere autoritäre und fundamentalistische Regime in Vergangenheit und Gegenwart zu und verliert dadurch an Trennschärfe.
Zusammenfassung
Schon der Begriff »totalitär« ist niemals hinreichend definiert worden. Dies gilt für seine beiden Bedeutungsinhalte. Einmal ist niemals gesagt und festgelegt worden, wann ein Staat nicht mehr »autoritär«, aber noch nicht völlig »total«, sondern »nur« »totalitär« ist oder sein soll. Zum anderen ist die postulierte grundsätzliche Ähnlichkeit oder gar Gleichheit von Faschismus und Kommunismus niemals hinreichend bewiesen worden.
Hinzu kam die politische Funktion, welche der Begriff von Anfang an hatte und auch haben sollte, weshalb Totalitarismus immer auch, ja vornehmlich eine Ideologie war. Sie, die Ideologie des Totalitarismus diente der Verherrlichung der selber niemals hinreichend definierten »Demokratie« und der Bekämpfung aller Bestrebungen, die auf eine wie auch immer geartete Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse hinausliefen. Gemeint waren nicht nur, aber vor allem solche, die von links eingebracht wurden.
Der grundsätzlich ideologische Charakter des Totalitarismus-Begriffs ist auch durch einige vorgeblich wissenschaftliche Theorien nicht verdeckt und überwunden worden. Schließlich sind alle Theorien des Totalitarismus empirisch nicht bewiesen worden. Außerdem hatten sie eine unverkennbare politische Funktion und Zielsetzung. Dies gilt keineswegs nur für die Bewahrung und Verteidigung der Demokratie. Unter dem Vorwand, die Demokratie gegenüber Kritikern von links und rechtes zu bewahren, kann die Demokratie nämlich selber eingeschränkt und zu dem werden, was der Totalitarismustheoretiker Carl Joachim Friedrich als »konstitutionelle Diktatur« bezeichnet hat. Zu kritisieren ist schließlich und vor allem der normative und anti-utopische Charakter aller Ideologien und Theorien des Totalitarismus. Werden doch alle Theorien und Utopien, welche die Schaffung einer besseren und gerechteren Gesellschaftsordnung im nationalen und globalen Rahmen beinhalten, abgelehnt und als »totalitär« verdammt. Dadurch kann der (Anti-)Totalitarismus selber zum Totalitarismus werden.
Prof. Wolfgang Wippermann, Historiker, FU Berlin
Quelle: antifa, März/April 2010
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