10. März 2010
Pfeffersprayeinsätze können zum Tod führen. Gefährliche Wechselwirkung mit Medikamenten und Drogen. Ein Gespräch mit Michael Kronawitter. Er ist Allgemeinmediziner in Berlin und Sprecher der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB).
Das Interview erschien erstmalig am 5. März 2010 in der Tageszeitung junge Welt.
In Berlin ist Ende vergangener Woche ein Deutscher mit Migrationshintergrund nach einem Polizeieinsatz gestorben. Die Beamten waren mit Pfefferspray gegen ihn vorgegangen. Außerdem soll er eine Treppe heruntergefallen sein. Wie glaubwürdig sind solche Erklärungen vor dem Hintergrund, daß sich »die Treppe herunterfallen« in der Vergangenheit oftmals als Synonym für polizeiliche Übergriffe entpuppte?
Was im konkreten Fall geschah ist spekulativ und kann hoffentlich die Obduktion zeigen. Fakt ist jedenfalls, daß rassistische Übergriffe der Polizei keine Einzelfälle sind. Das in den USA auch wissenschaftlich untersuchte »racial profiling« durch die Polizei ist in Berlin erlebbarer Alltag für nichtdeutsch Aussehende. Mit dem Konzept der »gefährlichen Orte« und den vorgeblich »verdachtsunabhängigen Kontrollen« ist politisch die Grundlage für diskriminierende Kontrollen und polizeiliche Schikanen geschaffen worden. Dabei sitzt der Knüppel und neuerdings eben auch das Pfefferspray bei manchen Beamten ziemlich locker. Opfer sind meistens Menschen, denen man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten »ethnischen Gruppe« unterstellt. Und Fakt ist auch, daß Pfefferspray in den Händen von Polizeibeamten gefährlich ist.
Der Spiegel berichtete, daß allein im zweiten Halbjahr 2009 in Deutschland drei Menschen durch Pfefferspray zu Tode gekommen seien. Spielt die Polizei mit dem Leben der Bundesbürger?
Was die potentiell tödlichen Nebenwirkungen von Pfefferspray betrifft: Ja. Ein Polizeigriff kann vom Beamten bei Komplikationen gelockert werden, nach der Anwendung von Pfefferspray kann bei Komplikationen nur der Notarzt helfen. Die verabreichte Dosis wirkt schnell und lange. Die Wirkung von Pfefferspray läßt sich kaum abmildern, mit Wasser läßt sich Capsaicin, der Wirkstoff des Sprays, nicht auswaschen oder verdünnen. Und das ist es auch, was von Befürworten des Stoffs als Vorteil gepriesen wird.
Es existieren mehrere Studien, denen zufolge der Einsatz von Pfefferspray auch gegenüber psychisch Kranken oder Drogenkonsumenten, gefahrlos sein soll. Die jüngsten Todesfälle, bei denen Menschen starben, die Beruhigungsmittel eingenommen bzw. Drogen konsumiert hatten, widerlegen diese Darstellung. Wie lebensbedrohlich ist Pfefferspray nun also?
Selbst die wenigen, qualitativ minderwertigen, Studien lassen keinesfalls den Schluß zu, daß Pfefferspray im Polizeieinsatz unbedenklich ist. Die Hinweise, daß die Todesfälle auf Wechselwirkungen mit Psychopharmaka bzw. Drogen zurückzuführen sind, sind alarmierend. Es gibt plausible biochemische Erklärungen für die Auslösung lebensgefährlicher Komplikationen im Zusammenhang mit psychogenen Substanzen. Die Hersteller werben trotzdem mit der guten Wirksamkeit gerade bei Menschen unter Alkohol- oder Drogeneinfluß. Mehrere Faktoren beeinflussen die Wirkung zusätzlich: Die Konzentration des Pfeffersprays, das Lösungsmittel und der Abstand zum potentiellen Opfer können den tödlichen Unterschied machen. All das kann im Einsatz kaum kontrolliert werden. Bei zu geringem Sicherheitsabstand kann es allein durch den Druck des Sprays zu Verletzungen am Auge kommen.
Also fordern Sie ein Verbot des Einsatzes von Pfefferspray?
Aus medizinischer, aber auch aus gesellschaftspolitischer Sicht müßte das Mittel sofort verboten werden. Das trifft allerdings gleichermaßen auf das schon lange angewendete Tränengas zu.
Die sächsische Polizei wurde anläßlich der antifaschistischen Demonstrationen und Blockaden am 13. Februar mit sogenannten »Pepperballpistolen« ausgerüstet. Besteht bei besagten Pistolen nicht noch ein höheres Risiko, daß es zu Todesfällen kommt?
Selbstverständlich. Das ist als würde man in einer kleinen Medikamentenstudie nach beobachteten Todesfällen eine Massenstudie mit erhöhter Dosis initiieren. Hier kommen unberechenbare Nebenwirkungen mit unberechenbaren Polizeibeamten zusammen. Diese Mischung kann tödlich sein. Ob es sich dabei um Fahrlässigkeit oder Vorsatz der Politik handelt, müßten Juristen klären.
Tags: Interview, 2010, Michael Kronawitter, Pfefferspray, Berlin, Polizei, Polizeigewalt
ALB: »Bei Komplikationen kann nur noch der Notarzt helfen«

Das Interview erschien erstmalig am 5. März 2010 in der Tageszeitung junge Welt.
In Berlin ist Ende vergangener Woche ein Deutscher mit Migrationshintergrund nach einem Polizeieinsatz gestorben. Die Beamten waren mit Pfefferspray gegen ihn vorgegangen. Außerdem soll er eine Treppe heruntergefallen sein. Wie glaubwürdig sind solche Erklärungen vor dem Hintergrund, daß sich »die Treppe herunterfallen« in der Vergangenheit oftmals als Synonym für polizeiliche Übergriffe entpuppte?
Was im konkreten Fall geschah ist spekulativ und kann hoffentlich die Obduktion zeigen. Fakt ist jedenfalls, daß rassistische Übergriffe der Polizei keine Einzelfälle sind. Das in den USA auch wissenschaftlich untersuchte »racial profiling« durch die Polizei ist in Berlin erlebbarer Alltag für nichtdeutsch Aussehende. Mit dem Konzept der »gefährlichen Orte« und den vorgeblich »verdachtsunabhängigen Kontrollen« ist politisch die Grundlage für diskriminierende Kontrollen und polizeiliche Schikanen geschaffen worden. Dabei sitzt der Knüppel und neuerdings eben auch das Pfefferspray bei manchen Beamten ziemlich locker. Opfer sind meistens Menschen, denen man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten »ethnischen Gruppe« unterstellt. Und Fakt ist auch, daß Pfefferspray in den Händen von Polizeibeamten gefährlich ist.
Der Spiegel berichtete, daß allein im zweiten Halbjahr 2009 in Deutschland drei Menschen durch Pfefferspray zu Tode gekommen seien. Spielt die Polizei mit dem Leben der Bundesbürger?
Was die potentiell tödlichen Nebenwirkungen von Pfefferspray betrifft: Ja. Ein Polizeigriff kann vom Beamten bei Komplikationen gelockert werden, nach der Anwendung von Pfefferspray kann bei Komplikationen nur der Notarzt helfen. Die verabreichte Dosis wirkt schnell und lange. Die Wirkung von Pfefferspray läßt sich kaum abmildern, mit Wasser läßt sich Capsaicin, der Wirkstoff des Sprays, nicht auswaschen oder verdünnen. Und das ist es auch, was von Befürworten des Stoffs als Vorteil gepriesen wird.
Es existieren mehrere Studien, denen zufolge der Einsatz von Pfefferspray auch gegenüber psychisch Kranken oder Drogenkonsumenten, gefahrlos sein soll. Die jüngsten Todesfälle, bei denen Menschen starben, die Beruhigungsmittel eingenommen bzw. Drogen konsumiert hatten, widerlegen diese Darstellung. Wie lebensbedrohlich ist Pfefferspray nun also?
Selbst die wenigen, qualitativ minderwertigen, Studien lassen keinesfalls den Schluß zu, daß Pfefferspray im Polizeieinsatz unbedenklich ist. Die Hinweise, daß die Todesfälle auf Wechselwirkungen mit Psychopharmaka bzw. Drogen zurückzuführen sind, sind alarmierend. Es gibt plausible biochemische Erklärungen für die Auslösung lebensgefährlicher Komplikationen im Zusammenhang mit psychogenen Substanzen. Die Hersteller werben trotzdem mit der guten Wirksamkeit gerade bei Menschen unter Alkohol- oder Drogeneinfluß. Mehrere Faktoren beeinflussen die Wirkung zusätzlich: Die Konzentration des Pfeffersprays, das Lösungsmittel und der Abstand zum potentiellen Opfer können den tödlichen Unterschied machen. All das kann im Einsatz kaum kontrolliert werden. Bei zu geringem Sicherheitsabstand kann es allein durch den Druck des Sprays zu Verletzungen am Auge kommen.
Also fordern Sie ein Verbot des Einsatzes von Pfefferspray?
Aus medizinischer, aber auch aus gesellschaftspolitischer Sicht müßte das Mittel sofort verboten werden. Das trifft allerdings gleichermaßen auf das schon lange angewendete Tränengas zu.
Die sächsische Polizei wurde anläßlich der antifaschistischen Demonstrationen und Blockaden am 13. Februar mit sogenannten »Pepperballpistolen« ausgerüstet. Besteht bei besagten Pistolen nicht noch ein höheres Risiko, daß es zu Todesfällen kommt?
Selbstverständlich. Das ist als würde man in einer kleinen Medikamentenstudie nach beobachteten Todesfällen eine Massenstudie mit erhöhter Dosis initiieren. Hier kommen unberechenbare Nebenwirkungen mit unberechenbaren Polizeibeamten zusammen. Diese Mischung kann tödlich sein. Ob es sich dabei um Fahrlässigkeit oder Vorsatz der Politik handelt, müßten Juristen klären.
Tags: Interview, 2010, Michael Kronawitter, Pfefferspray, Berlin, Polizei, Polizeigewalt
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