Interview zum Konzept der Massenblockaden am 13.2.2010 in Dresden

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Redaktion ra0105:
Ihr wollt schon wieder den Naziaufmarsch verhindern - genau wie letztes Jahr. Doch 2009 kamen sie durch. Hand auf Herz: Seid ihr ein bisschen größenwahnsinnig?
AK Antifa DD:Nun wir sind realistisch und versuchen das Unmögliche. Aber im Ernst: Den größten Naziaufmarsch Europas kann man nicht einfach mal so verhindern. Im letzten Jahr sind einige Dinge nicht optimal gelaufen. Zwar ist es gelungen so viel Antifas wie noch nie nach Dresden zu mobilisieren. Im Ergebnis konnte der Naziaufmarsch jedoch nicht nennenswert gestört werden.
Redaktion ra0105:Überhaupt nicht träfe es wohl besser. Woran hat es gelegen?
AK Antifa DD:Zum einen handelte es sich bei „No pasarán“ um einen relativ neuen Zusammenschluss. Da klappte nicht alles gleich auf Anhieb. Anderseits war die Teilnehmerzahl für uns, und das ist erfreulich, unerwartet hoch. Die Backgroundstrukturen waren an der ein oder anderen Stelle schlicht überlastet. Das Kernproblem jedoch war, dass die Polizei alles daran setzte, den Naziaufmarsch durchzusetzen und die Demonstration verkam zu einem Wanderkessel.
Redaktion ra0105:Mit Verlaub - damit war ja wohl zu rechnen!
AK Antifa DD:Das ist sicher richtig, aber man darf nicht vergessen, dass die Demonstration zum einen deutlich gemacht hat, dass die Antifa ein ernst zu nehmder Teil der Gegenaktivitäten geworden ist, und zum anderen hat die Mobilisierung von No pasarán zusammen mit der Mobilisierung von Gehdenken im letzten Jahr eine politische Dynamik in der Diskussion um den Naziaufmarsch in Dresden eingeleitet, die den politischen Druck auf die Verantwortlichen in der Stadt erhöht hat. Dennoch haben wir uns von der Demonstration mehr Wirkung erhofft. In diesem Jahr wird es folgerichtig einen Strategiewechsel geben. Das Antifabündnis „No pasarán“ organisiert keine Demonstration, sondern wir wollen mit Massenblockaden dem Naziaufmarsch zu Leibe rücken. Damit ist für alle von Anfang an klar, was unser Plan in Dresden ist und es wird nicht wie im letzten Jahr zu Verwirrungen oder Unklarheiten kommen.
Redaktion ra0105:Und warum sollten Massenblockaden nun das schaffen, was im letzten Jahr nicht gelungen ist? Schließlich kann die Polizei diese genauso abriegeln, wie einst die Demonstration.
AK Antifa DD:Im letzten Jahr gab es neben "No pasarán" noch Geh-Denken. Hier versammelten sich rund 8000 Menschen. Jedoch war dies weitab vom Geschehen. Geh-Denken existiert inzwischen nicht mehr. Aber viele ehemalige Mitstreiter_innen sind jetzt bei: "Nazifrei! - Dresden stellt sich quer!" untergekommen. Und genau dieses Bündnis organisiert zusammen mit „No pasarán“ die Massenblockaden. Es wird also kein Nebeneinander zivilgesellschaftlicher Käfte und der "Antifa" geben, sondern ein Miteinander.
Redaktion ra0105:
Gut. Die Antifa ist also diesmal cleverer und hat sich Deckungsmasse organisiert.
AK Antifa DD:Nein die Zivilgesellschaft ist keinesfalls "Deckungsmasse". Es gibt einen klar formulierten Aktionskonsens zwischen „No pasarán“ und „Nazifrei – Dresden stellt sich quer“. Alles was nicht dem Charakter einer Menschenblockade entspricht, sollte nicht im direkten Umfeld statt finden. Wir werden es aller Vorraussicht nach auch im nächsten Jahr mit einem Naziaufmarsch zu tun haben. Allein deshalb sind entsprechende Aktionen auf den Blockaden, die dem Aktionskonsens an der Stelle nicht entsprechen, politisch kontraproduktiv. Im übrigen sind wir nach wir vor selbstverständlich solidarisch mit allem, was dazu dienlich ist, den Naziaufmarsch zu verhindern. Unser eigener Fokus liegt dieses Jahr aber auf dem Konzept Massenblockaden.
Redaktion ra0105:Damit "No pasarán" also auch im nächsten Jahr der so genannten "freiheitlich demokratischen Grundordnung" dienlich sein kann, sollen also die bürgerlichen Bündnispartner nicht verprellt werden. Hört sich nach einer äußerst pragmatischen um nicht zu sagen opportunistischen Strategie an. Was ist mit einer radikalen Kritik am Gedenken oder am Kapitalismus oder wollt ihr nur ein Antinazievent schaffen.
AK Antifa DD:Wenn wir verhindern können, dass tausende von Antisemiten, Rassisten und Geschichtsverdrehern durch die Gegend ziehen und ihre revanchistische Propaganda absondern, dann wäre das für mich ein Erfolg. Was dazu die FDGO sagt, ist dabei nebensächlich. Was das Gedenken angeht, haben wir immer darauf hingewiesen, dass es auch der international verbreitete Opfermythos war, der das Gedenken für die Nazis so anschlussfähig machte. Dennoch besteht ein Unterschied zwischen Bürgern und Neonazis. Man mag sich in seiner Opferrolle vielleicht wohl fühlen und der Unterschied zwischen Ursache und Wirkung mag bei den Bürgern manchmal abhanden gekommen sein. Diese ziehen jedoch im Gegensatz zu den Nazis nicht mit Parolen wie "Nie wieder Krieg - nach unserem Sieg!" durch die Gegend. Und das ist kein oberflächlicher Unterschied, wie manche meinen, sondern ein kategorialer. Außerdem arbeiten wir mit den fortschrittlichen Teilen der Zivilgesellschaft zusammen, die sich den Nazis direkt entgegenstellen und den Fokus am 13. Februar nicht auf ein kontextloses Gedenken richten oder die Innenstadt mit einer Menschenkette gegen "Extremisten" schützen wollen. Kritik der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist durchaus erwünscht, aber bitte da wo sie hingehört. Dieser Naziaufmarsch hat direkt mit Kapitalismus relativ wenig zu tun. Der Kapitalismus mag an vielem Schuld sein. Der Mythos Dresden und der Naziaufmarsch gehören jedoch ausnahmsweise nicht dazu. Wir wollen den Naziaufmarsch verhindern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Redaktion ra0105:Und dafür kungelt man mit den Bürgern rum.
AK Antifa DDWohl eher andersherum. Erst hat „No pasarán“ das Konzept Massenblockaden für dieses Jahr gesetzt, dann erst hat sich ein bürgerliches Blockadebündnis gegründet. Selbst wenn es anders wäre: So ein Naziaufmarsch stärkt die rechte Szene nach Innen und Außen. Wer in Gegenden wohnt, wo Nazis teilweise schon eine Hegemonie ausüben können, weiß wovon die Rede ist. Und wenn es Bürger gibt die begriffen haben, dass man Naziterror und faschistische Propaganda nicht mit verständnisvoller Pädagogik, sondern nur mit entschlossenem Widerstand begegnen kann, dann sind wir natürlich Bündnispartner. Auch wenn man zu bestimmten Dingen sonst vielleicht eine andere Meinung hat. Wir sind aber nicht angetreten um den Wettbewerb der verbalradikalsten Pamphlete zu gewinnen, sondern um einen Naziaufmarsch zu verhindern. Und deswegen arbeiten wir mit den fortschrittlichen Teilen der Zivilgesellschaft zusammen.
Redaktion ra0105:Nun gut. Was wirft die Zivilgesellschaft denn so alles in die Wagschale?
AK Antifa DDZunächst einmal die gesellschaftliche Breite. Davon erhoffen wir uns konkret, dass der politische Preis den die Polizei zahlen muss, sollte sie der Meinung sein Blockierer auseinander knüppeln zu müssen, ziemlich hoch ausfallen wird. Aus diesem Grund werden die Bockaden spektrenübergreifend organisiert. Es wird keine Aufteilung in politischer Hinsicht geben. Wenn die Polizei wieder knüppeln will, dann wird sie dieses Jahr auch auf einen Konstantin Wecker, auf Bela B. auf Pfarrer, auf Gewerkschafter, auf Studentenverbände, auf Land- und Bundestagsabgeordnete einschlagen müssen. Denn die machen alle mit. Und das ist in Dresden ein Novum und alleine schon ein Erfolg, der sich sehen lassen kann.
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