06. Mai 2009
Bericht über eine Veranstaltung mit zwei Zeitzeugen aus Spanien und Katalonien, die zum Ende der Franco-Diktatur im antifaschistischen Widerstand tätig waren. Antonio Camargo Sancho (rechts) und Ricard Vargas (links) haben ihren Beitrag zum Sturz des Franco-Faschismus geleistet. Ihr Ziel: Überwindung des Kapitalismus. Der folgende Artikel unter dem Titel "Lebenslanger Kampf" erschien erstmals in der Tageszeitung junge Welt am 6. Mai 2009.
Antonio Camargo Sancho und Ricard Vargas haben ihren Beitrag zum Sturz des Franco-Faschismus geleistet.
Vor 70 Jahren endete der Spanische Bürgerkrieg mit einem Sieg reaktionärer Kräfte über die zweite spanische Republik. Doch der Widerstand gegen den faschistischen Diktator Franco hielt an. Zwei von jenen Menschen, die ihr Leben riskiert haben, um den Franquismus zu beenden, sind Antonio Camargo Sancho und Ricard Vargas, beide inzwischen 60 Jahre alt.
Der Katalane Ricard Vargas war geprägt von seiner Kindheit im Arbeiterviertel LeClot in Barcelona und der Geschichte seines Vaters, den er nie kennenlernte – weil der wenige Monate nach seiner Geburt an den Folgen der Internierung durch die Franco-Faschisten gestorben war. Von Anfang an war Ricards Kampf gegen den Franquismus auch einer gegen die Unterdrückung der katalanischen Kultur. Als Schlüsselerlebnis schildert er im Gespräch mit jW, wie ein Schulkamerad von seinem Lehrer verprügelt wurde, weil er den katalanischen Eigennamen eines Berges verwendete und nicht die vorgeschriebene spanische Bezeichnung. »Wir standen damals alle auf und verteidigten ihn«, erinnert sich Ricard Vargas.
Mit 14 nahm er das erste Mal an einer Demonstration teil. Gemeinsam mit Schulfreunden schloß er sich als 16jähriger den Arbeiterkommissionen (Comisiones Obreras, CCOO) an. Diese waren, anders als die CCOO heute, kein durchorganisierter Gewerkschaftsapparat, sondern lokale basisdemokratische Zusammenschlüsse.
Antonio Camargo Sancho entschied sich als 20jähriger, bei den CCOO in Madrid mitzuarbeiten. Auch seine Familie hatte im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten gekämpft. Nachdem er als Zehnjähriger von einem andalusischen Dorf nach Madrid gezogen war, begann seine Politisierung in einer Jesuitenschule. »Unser Schulleiter sprach sich offen gegen das Franco-Regime aus. Er lehrte Werte der Solidarität und des Kampfes, vor allem Konfliktbereitschaft gegenüber dem Franquismus.« Mit seinem Einstieg in den Beruf trat er in die kommunistische Liga ein und gründete zusammen mit seinen Kollegen eine CCOO. Allein der Kontakt zu Kollegen war damals derart gefährlich, daß sie sich dafür vermummen mußten.
Vermummen mußte sich auch Ricard, denn der Arbeiterkampf in Barcelona setzte verstärkt auf direkte Aktionen. Im Vergleich zum Baskenland stand hier jedoch weniger die nationale Unabhängigkeit im Mittelpunkt. Die katalanische Widerstandsbewegung orientierte sich stark an der antikapitalistischen Tradition. Ricard schloß sich 1972 der Iberischen Befreiungsbewegung (Movimiento Iberico de Liberacion, MIL) an, deren Ziel es war, den Klassenkampf vor allem finanziell zu unterstützen. Die Gruppe organisierte mehrere Banküberfälle, um das »kapitalistisch enteignete Geld umzuverteilen«. Schwerpunkt der MIL war vor allem die politische Bildungsarbeit, etwa der Aufbau der Bibliothek »Mai 37«. Ein gefährliches Unterfangen im franquistischen Spanien. Bücher mußten in Frankreich gedruckt und über abenteuerliche Wege im Rucksack über die Pyrenäen transporiert werden. Nachdem die MIL 1974 durch die Verhaftung und Hinrichtung von Salvador Puig Antich zerschlagen wurde, floh Ricard über Frankreich nach Italien.
In Madrid bekamen die Arbeiter von den Protesten in anderen Regionen Spaniens wenig mit. Vor allem der militante Protest wurde durch die gleichgeschalteten Medien auf die ETA reduziert, erinnert sich Antonio. Von der MIL haben die Menschen erst erfahren, als die Gruppe zerschlagen und dem MIL-Kämpfer Salvador der Prozeß gemacht wurde. Daraufhin gab es Solidaritätsaktionen.
Die letzten Jahre des Franco-Regimes waren für Antonio ausgefüllt mit politischer Arbeit und Aktionen. Genossen landeten damals wegen des Malens einer Parole an eine Wand für mehrere Jahre im Gefängnis. Wären sie als Widerständler enttarnt worden, hätte dies mindestens zehn Jahre Knast bedeutet.
Ricard kehrte bereits kurz nach seiner Flucht aus dem Exil zurück und leistete in autonomen Untergrundgruppen Widerstand. Sie konzentrierten sich auf gezielte Sabotageakte. »Wir kämpften vor allem für das Ende des Kapitalismus und für das Ende der Ausbeutung.« Ende 1974 wurde er festgenommen. Er erlebte neun Tage Isolationshaft und Folter und zwei Jahre Gefängnis, bis er 1976, im Jahr nach dem Tod Franco, im Zuge einer Amnestie entlassen wurde.
Beide setzten in die danach begonnene »Transicion« in Spanien große Hoffnungen: »Wir glaubten, daß nicht nur die Diktatur zu Ende gehen würde, sondern auch eine Revolution möglich war«, erinnert sich Ricard, »und der Gedanke, daß der Kapitalismus aufhören würde, erfüllte uns mit Hoffnung«. Auch heute sind die Männer nicht im Ruhestand. Antonio engagiert sich immer noch in der Gewerkschaft: »Ich kämpfe weiterhin, um diese kapitalistische Ausbeutung zu beenden, damit der Mensch frei sein wird«.
Der Artikel erschien erstmals in der Tageszeitung junge Welt am 6. Mai 2009
Widerstand gegen Franco-Regime

Lebenslanger Kampf
Antonio Camargo Sancho und Ricard Vargas haben ihren Beitrag zum Sturz des Franco-Faschismus geleistet.
Vor 70 Jahren endete der Spanische Bürgerkrieg mit einem Sieg reaktionärer Kräfte über die zweite spanische Republik. Doch der Widerstand gegen den faschistischen Diktator Franco hielt an. Zwei von jenen Menschen, die ihr Leben riskiert haben, um den Franquismus zu beenden, sind Antonio Camargo Sancho und Ricard Vargas, beide inzwischen 60 Jahre alt.
Der Katalane Ricard Vargas war geprägt von seiner Kindheit im Arbeiterviertel LeClot in Barcelona und der Geschichte seines Vaters, den er nie kennenlernte – weil der wenige Monate nach seiner Geburt an den Folgen der Internierung durch die Franco-Faschisten gestorben war. Von Anfang an war Ricards Kampf gegen den Franquismus auch einer gegen die Unterdrückung der katalanischen Kultur. Als Schlüsselerlebnis schildert er im Gespräch mit jW, wie ein Schulkamerad von seinem Lehrer verprügelt wurde, weil er den katalanischen Eigennamen eines Berges verwendete und nicht die vorgeschriebene spanische Bezeichnung. »Wir standen damals alle auf und verteidigten ihn«, erinnert sich Ricard Vargas.
Mit 14 nahm er das erste Mal an einer Demonstration teil. Gemeinsam mit Schulfreunden schloß er sich als 16jähriger den Arbeiterkommissionen (Comisiones Obreras, CCOO) an. Diese waren, anders als die CCOO heute, kein durchorganisierter Gewerkschaftsapparat, sondern lokale basisdemokratische Zusammenschlüsse.
Antonio Camargo Sancho entschied sich als 20jähriger, bei den CCOO in Madrid mitzuarbeiten. Auch seine Familie hatte im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten gekämpft. Nachdem er als Zehnjähriger von einem andalusischen Dorf nach Madrid gezogen war, begann seine Politisierung in einer Jesuitenschule. »Unser Schulleiter sprach sich offen gegen das Franco-Regime aus. Er lehrte Werte der Solidarität und des Kampfes, vor allem Konfliktbereitschaft gegenüber dem Franquismus.« Mit seinem Einstieg in den Beruf trat er in die kommunistische Liga ein und gründete zusammen mit seinen Kollegen eine CCOO. Allein der Kontakt zu Kollegen war damals derart gefährlich, daß sie sich dafür vermummen mußten.
Vermummen mußte sich auch Ricard, denn der Arbeiterkampf in Barcelona setzte verstärkt auf direkte Aktionen. Im Vergleich zum Baskenland stand hier jedoch weniger die nationale Unabhängigkeit im Mittelpunkt. Die katalanische Widerstandsbewegung orientierte sich stark an der antikapitalistischen Tradition. Ricard schloß sich 1972 der Iberischen Befreiungsbewegung (Movimiento Iberico de Liberacion, MIL) an, deren Ziel es war, den Klassenkampf vor allem finanziell zu unterstützen. Die Gruppe organisierte mehrere Banküberfälle, um das »kapitalistisch enteignete Geld umzuverteilen«. Schwerpunkt der MIL war vor allem die politische Bildungsarbeit, etwa der Aufbau der Bibliothek »Mai 37«. Ein gefährliches Unterfangen im franquistischen Spanien. Bücher mußten in Frankreich gedruckt und über abenteuerliche Wege im Rucksack über die Pyrenäen transporiert werden. Nachdem die MIL 1974 durch die Verhaftung und Hinrichtung von Salvador Puig Antich zerschlagen wurde, floh Ricard über Frankreich nach Italien.
In Madrid bekamen die Arbeiter von den Protesten in anderen Regionen Spaniens wenig mit. Vor allem der militante Protest wurde durch die gleichgeschalteten Medien auf die ETA reduziert, erinnert sich Antonio. Von der MIL haben die Menschen erst erfahren, als die Gruppe zerschlagen und dem MIL-Kämpfer Salvador der Prozeß gemacht wurde. Daraufhin gab es Solidaritätsaktionen.
Die letzten Jahre des Franco-Regimes waren für Antonio ausgefüllt mit politischer Arbeit und Aktionen. Genossen landeten damals wegen des Malens einer Parole an eine Wand für mehrere Jahre im Gefängnis. Wären sie als Widerständler enttarnt worden, hätte dies mindestens zehn Jahre Knast bedeutet.
Ricard kehrte bereits kurz nach seiner Flucht aus dem Exil zurück und leistete in autonomen Untergrundgruppen Widerstand. Sie konzentrierten sich auf gezielte Sabotageakte. »Wir kämpften vor allem für das Ende des Kapitalismus und für das Ende der Ausbeutung.« Ende 1974 wurde er festgenommen. Er erlebte neun Tage Isolationshaft und Folter und zwei Jahre Gefängnis, bis er 1976, im Jahr nach dem Tod Franco, im Zuge einer Amnestie entlassen wurde.
Beide setzten in die danach begonnene »Transicion« in Spanien große Hoffnungen: »Wir glaubten, daß nicht nur die Diktatur zu Ende gehen würde, sondern auch eine Revolution möglich war«, erinnert sich Ricard, »und der Gedanke, daß der Kapitalismus aufhören würde, erfüllte uns mit Hoffnung«. Auch heute sind die Männer nicht im Ruhestand. Antonio engagiert sich immer noch in der Gewerkschaft: »Ich kämpfe weiterhin, um diese kapitalistische Ausbeutung zu beenden, damit der Mensch frei sein wird«.
Der Artikel erschien erstmals in der Tageszeitung junge Welt am 6. Mai 2009
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